21.3.11

Bei der Umra 2011 geschrieben

Ich besichtigte den Nordpol,
ich besichtigte den Südpol
und gewahrte wohl aufs Geratewohl:
die Erde ist von Innen hohl!
Doch warte! Nein! Das muss ich überdenken,
darf meine Worte so leicht nicht verschenken…

Ich besichtigte den Nordpol,
ich besichtigte den Südpol
und erfuhr – tatsächlich –
die Erde ist von Innen hohl!
Die entsprechende Theorie also stimmt,
was einen nicht weiter wunder nimmt,
wenn doch auch auf der Erde alles hohl von Innen ist;
eine satanische List, dass jeder Gedanke den anderen frisst
oder doch nur Mutter Natur wahres Antlitz,
dass die Pranke der Vernunft fatal den Verstand erwischt?;
die Vernunft dann durch sich selbst erlischt,
während ihr Gegenteil vital brodelt und zischt.
Das Jammertal des Dichters,
in dessen Kammer fahl das Mondlicht scheint
ist das Himmelsreich, dessen der sich ohne Gott meint.
Schimmernder Laich ihrer beiden Hirne –
die schlummernde Brut von gleichen Wurme,
der ewig sich durch die Zeiten windet
und die Menschen mit ihrer Weisheit schindet!

18.3.10

Gallipoli

Ich bin eine Mischung aus
dem geisteskranken Mönch Medardus [1]
und dem kranken Mann am Bosporus;
die Gedanken zwischen
Musenkuss und Gnadenschuss
in den Schranken der Vernunft gehalten;
oh Herr! Lass Gnade walten!
Die Kunst des Dichters unwürdig
vor dem Thron des Richters,
dem Qur’an nicht ebenbürtig;
mein Diwan eben gebürtig
aus meines schwachen Verstandes
Zerwürfnis flachen Landes;
Bedürfnis, Unterpfand; es
wird nicht besser mit der Zeit;
Finsternis im Herzen seit
ich den Strom bis zu den Quellen hinauffuhr; [2]
Leuchtgranaten erhellen die Aufruhr
eingeborener Dörfer;
eingereiht in die extinkten Völker
durch die Strafexpedition
eingeweiht in meine Vision;
„Apokalypse jetzt“
apokryph neu besetzt;
Kur(t)z nur dauert das Gefecht [3]
und der Sieg erscheint gerecht;
Sturz des Engels
auf den Feldherrenhügel,
mit gebrochenem Flügel
wieder aufgerichtet
und die Schlacht erdichtet;
wie Liman von Sanders [4]
ist mein Diwan nicht anders
als der Oberbefehl,
und daraus sei kein Hehl,
als der Oberbefehl
über die Osmanische Armee
zu Luft, zu Land und zur See!

[1] Hauptfigur im Roman „Die Elixiere des Teufels“ von E.T.A. Hoffmann (1776–1822)
[2] Anspielung auf Conrads „Herz der Finsternis“ 1899
[3] Kurtz ist sowohl eine Figur in Conrads Roman als auch in der Adaption in Apokalypse Now
[4] Otto Viktor Karl Liman von Sanders (* 17. Februar 1855 in Stolp, Pommern; † 22. August 1929 in München) genannt Liman Paşa oder „Löwe von Gallipoli“ war ein deutscher General und osmanischer Marschall.


25.2.10

Epilog zu den Mekkanische Vernichtungen


Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet;
Metaphern entworfen,
der Allmacht verpflichtet;
Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet;
den Weltrand unterworfen,
zur Jizya verpflichtet;
Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet!

Allah segne Ibn Arabi,
Allah regne Demokratie;
die Aristokratie des Geistes
manifestiert wie noch nie
in der Kleptokratie des Scheiches;
meine Dynastie ist ein
Strudel aus Worten in Raum und Zeit,
ein Subzirkel im Wirbel der Ewigkeit;
Schluss! Noch ein letztes Geleit;
besetztes Gebiet durch Hoheit
diwanischer Exzellenz;
wie man sieht
nicht nur in der Essenz
sondern in jeder Sentenz,
nicht nur in der Essenz
sondern in jeder Sequenz;
Aufruhr in den Reihen der Feinde:
synkretistische Weihen
ebensolcher Gemeinde;
Theben zu Thesen
gottgewollter Mutation;
Präzession der Nutation;
Präzision, Gedankenschleife, Rotation;
reife vollkommen, heiße willkommen,
was die Zukunft nur verschwommen
in die Gegenwart projiziert;
die Vernunft noch benommen,
der Glaube in einer Art irritiert,
dass man beide leicht aus dem Blick verliert,
ganz zu schweigen von der Frage,
wie man beide liiert!

Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet;
Metaphern entworfen,
der Allmacht verpflichtet;
Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet;
den Weltrand unterworfen,
zur Jizya verpflichtet;
Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet;
Metaphern entworfen,
der Allmacht verpflichtet;
Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet;
den Weltrand unterworfen,
zur Jizya verpflichtet;
Mekkanisch gedichtet,
Medinensisch gerichtet!

30.12.09

Mekkanische Vernichtungen 4


Im Islam endemisch
und deshalb nicht blasphemisch:
Mein Synkretismus ist authentisch,
wogegen euer Islamismus
unlogisch und nicht konsequent ist;
eine satanische List
auf der Basis von Qur’an und Sunnah;
das Zitat „Weder Schlaf noch Schlummer“; [1]
al Hayy ul Qayyum; der Ayah im Zoom; [2]
doch erst posthum
bekommt der Dichter seinen Ruhm;
Scharfrichter der Worte
im Namen der Hohen Pforte
exekutiert und amputiert er,
in Versen organisiert er
lexikalisches Wissen
aus dem Kontext gerissen;
wie KZ-Insassen
Metaphern in Massen
zur Vernichtung getrieben;
meine Dichtung wird siegen,
dessen bin ich sicher,
nur bringt sie keinen Frieden;
wessen ist der Unterpfand,
der von den Exzessen
wenigstens einige unterband?
Ich reinige den Tempel,
Ich steinige den Satan –
weise so wie Nathan!

Weltenseele oder Seelenmord,
Weltenbaum oder Lebensraum,
Perchtennacht oder Nacht der Macht? [3]
Pferchten wir nicht unbedacht
das dunkle Licht der Sagen
in ein Gedicht aus Unbehagen?

Weltenseele oder Seelenmord,
Weltenbaum oder Lebensraum,
Perchtennacht oder Nacht der Macht?
Pferchten wir nicht unbedacht
das dunkle Licht der Sagen
in ein Gedicht aus Unbehagen?

Ich erwachte und spuckte Blut,
mir war ich tanzte mit dem Melsemuth, [4]
dass der Beelzebub auf mich anhub
und ich seinen Betrug
erst im letzten Moment ausschlug,
als ich die Augen aufschlug,
war der Arabische Nachtmahr [5]
zwar aus den Gedanken,
doch im Unterbewusstsein
bar jeglicher Schranken
noch immer vorhanden;
so wie Oasen versanden
und Seen verlanden,
kam mir der Verstand
langsam abhanden;
Imam am Weltrand;
im irdischen Jammertal;
immer am Abgrund;
Pfahlbauten im Sumpf
menschlicher Unvernunft –
so schauten die ersten Verse
aus dem Morast;
Verve ward aus Unrast;
Friede auf dem Phantast;
der Diwan als Palast
und ich bin fortan dort zu Gast;
der Diwan als Palast
und ich bin fortan dort zu Gast!

Aus den Tiefen der Dichtungen:
Mekkanische Vernichtungen;
aus den Tiefen der Dichtungen:
Mekkanische Vernichtungen
vorgetragen von Abu Zeyneb
und begleitet auf der Rebek. [6]

Aus den Tiefen der Dichtungen:
Mekkanische Vernichtungen;
aus den Tiefen der Dichtungen:
Mekkanische Vernichtungen
vorgetragen von Abu Zeyneb
und begleitet auf der Rebek.

Das Leben und der Tod
sind wie ein Karneval auf dem Friedhof, [7]
soeben war man groß
dann ist man nur noch Abfall;
das Leben und der Tod
sind wie ein Karneval auf dem Friedhof;
ergeben unserem Los:
dem Thronsaal in Walhall;
das Mahnmal sei der Mahmal, [8]
Reliquie und Monstranz;
Kleptokratie der Monstra;
Khayruddin Barbarossa;
Tunis und Dscherba,
Algier und Ceuta;
Barbareskenstaaten;
Worte zu Fresken als Galeerensklaven;
Lepanto – uns zu alle testen; [9]
Umberto Eco zu Umberto Ghetto;
Katterfelto gab an wie Baudolino; [10]
das Leben und der Tod
sind kein Casino
sondern, ich sagte es bereits,
ein Karneval auf dem Friedhof;
das Diesseits und das Jenseits
dazwischen das lyrische Reich;
deshalb gibt nur im Abgleich
mit meinem Diwan
die Karte des Piri Reis [11]
ihre Geheimnisse preis!

Weltenseele oder Seelenmord,
Weltenbaum oder Lebensraum,
Perchtennacht oder Nacht der Macht?
Pferchten wir nicht unbedacht
das dunkle Licht der Sagen
in ein Gedicht aus Unbehagen?

Aus den Tiefen der Dichtungen:
Mekkanische Vernichtungen;
aus den Tiefen der Dichtungen:
Mekkanische Vernichtungen
vorgetragen von Abu Zeyneb
und begleitet auf der Rebek.

Du musst fasten,
wenn Du essen willst;
du musst wachen,
wenn du schlafen willst;
man wird dich schicken,
wohin du nicht willst…

Du musst fasten,
wenn Du essen willst;
du musst wachen,
wenn du schlafen willst;
man wird dich schicken,
wohin du nicht willst…
man wird dich schicken,
wohin du nicht willst… [12]



[1] „Ihn fasset weder Schlaf noch Schlummer“ aus dem Thronvers in der Rückert-Übersetzung.

[2] „Er der Lebendige, Beständige,“ auch aus dem Thronvers.

[3] „Nacht der Macht“ Rückert-Übersetzung für Laylatul-Qadr.

[4] “And then, of course, there were the executions, conducted in Mamluke times by a mechanized garrotting device called Melsemuth stationed outside the Bab al Zwayla. “To the delight of the assembled populace,” Balian narrates “Melsemuth was brought out from the royal treasury. Melsemuth was an automaton, a seven foot high brass doll powered with springs and coils. The condemned would be strapped to the doll, leg to leg, chest to chest, arm to arm. Then the doll, wound up, would begin its funny clockwork dance. The gestures and kicks would get wilder and wilder. Finally as the coils were running down, Melsemuth would garrotte its dancing partner and stop.” Andrew Beattie: “Cairo. A Cultural History” S. 108 zitiert wird allerdings aus Robert Irwin Roman, was das ganze ad absurdum führt.

[5] „Der Arabische Nachtmahr“ Roman von Robert Irwin.

[6] Mittelalterliches (auch orientalisches) Instrument.

[7] Ein Killah Priest Zitat:
“Life and Death is like a carnival in cemeteries
Ain't nobody left that's honorable they all been buried
The Chronicles, from Muhammad's schools to Gods name vary
Black people are the promised Jew's 'cause we lost already”

[8] Eine mittelalterliche muslimische Reliquie. Siehe den Eintrag „Der Mahmal“ auf diesem Blog.

[9] Bei der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 konnten die christlichen Mittelmeermächte mit Spanien an der Spitze den ersten Sieg gegen das Osmanische Reich erzielen (Wikipedia). Davor finden sich Referenzen zum mittelalterlich-muslimischen Korsarentum im Mittelmeer.

[10] Gustav Katterfelto (oder Katerfelto) (* 1743; † 1799) war ein deutscher Zauberkünstler, wissenschaftlicher Referent und Quacksalber. (Wikipedia). Baudolino ist ein Roman von Umberto Eco und die Hauptfigur eben jenes Romans.

[11] Die Karte des Piri Reis ist eine osmanische Seekarte des Zentralatlantiks, die dem Admiral Piri Reis zugeschrieben und in ihrer Entstehung auf den Monat Muharram (9. März bis 17. April) des Jahres 1513 datiert wird. Sie befindet sich im Topkapı-Palast in Istanbul, in dessen Bibliothek sie 1929 für die historische Forschung entdeckt wurde. (Wikipedia)

[12] Eigentlich: „Wenn Du essen willst, musst Du fasten, wenn Du schlafen willst, wachen. Man wird dich schicken, wohin duch nicht willst. Du musst gehorchen und alle Leiden, die man die auferlegt, ertragen.“ Aufnahme-Gelübde der Malteser. Zitiert aus: Salvatore Bono, Piraten und Korsaren im Mittelmeer. Klett-Cotta 2009, S. 70

29.11.09

Mekkanische Vernichtungen 3

Ilias zu Ilyas

In Amisos las ich [1]
Erebus und Terror; [2]
Imperialismus zu Kannibalismus;
gefangen im ewigen Eis;
Massaker wegen einer Handvoll Reis;
der Ghetto Scheich ist das Vierte Reich; [3]
birgt das Leben zuviel Leid,
wirkt der Tod als holde Maid;
die Anmut ihrer Gestalt
verbirgt kaum ihre Gewalt;
aus den Mauern einer Anstalt
dringt das Wimmern eines Kindes;
„Das Spiel des Engels“
im Schatten des Windes; [4]
die Bleiche des Ekels;
ich weiche keinen Schritt
Abu Zeyneb preist „Elizabeth“! [5]

Wie gotische Kathedralen:
mekkanische Vernichtungen;
die Dunkelheit scheint zu strahlen;
mekkanische Vernichtungen;
wie gotische Kathedralen:
mekkanische Vernichtungen;
die Dunkelheit scheint zu strahlen;
mekkanische Vernichtungen;
Mutter aller Dichtungen!

Von der Ilias zu Ilyas;
nicht ins Lager
sondern direkt ins Gas;
jeder Effekt in meinem Plan
ist ein Detail, dem zugetan
ich Jahre um Jahre
einsam verbracht habe;
la ilaha – keine Macht –
Illa llah – außer der Einen;
es war im Begriff zu keimen
und erhielt dann seinen
letzten Schliff in Reimen;
der brutale Zugriff
vom ewigen Biest;
der fatale Abgrund,
darin sich alles ergießt;
der fertile Halbmond –
Herr, den ihr mich anhießt
wieder neu zu erschaffen;
dem Efeu gleich rankend:
Ein wahres Reich aus Worten
umgeben mit der Aura
von allen heiligen Orten!

Wie gotische Kathedralen:
mekkanische Vernichtungen;
die Dunkelheit scheint zu strahlen;
mekkanische Vernichtungen;
wie gotische Kathedralen:
mekkanische Vernichtungen;
die Dunkelheit scheint zu strahlen;
mekkanische Vernichtungen;
Mutter aller Dichtungen!




[1] Antiker Name der türkischen Stadt Samsun am Schwarzen Meer.

[2] The Terror is the name of a 2007 novel by American author Dan Simmons. The novel is a fictionalized account of Franklin's lost expedition of HMS Erebus and HMS Terror under Captain Sir John Franklin to the Arctic to force the Northwest Passage in 1845 - 1848. In the novel, while Franklin and his crew are plagued by starvation and scurvy and forced to contend with mutiny and cannibalism, they are stalked across the bleak Arctic landscape by a supernatural monster. (Wikipedia)

[3] In der heutigen politischen Diskussion wird vom Vierten Reich für eine mögliche Renaissance des Nationalsozialismus gesprochen − je nach politischem Standpunkt als Dystopie oder Utopie. Kritiker der weltweiten Anti-Terror-Bewegung verwenden den Begriff als Synonym für Polizeistaat oder Überwachungsstaat, in welchem die Bevölkerung mittels Propaganda der Massenmedien kontrolliert wird. (Wikipedia)

[4] „Im Schatten des Windes“ und „Das Spiel des Engels“ sind Romane vom spanischem Autor Zafon.

[5] Titel eines Albums (2009) von Killah Priest. Im ersten Track lautet das Ende der ersten Strophe „all praise Elizabeth“.

26.9.09

Leviathan-Predigt

In dem Roman "Terror" von Dan Simmons findet sich ein bemerkenswerter Abschnitt hinsichtlich des Synkretismus, den ich meine: Eine Passage aus Hobbes "Leviathan" wird bei eine Schiffsmesse als ein Teil der Bibel verlesen.

Wie der Dichter sagt: "Auf der Suche nach der Nord-West Passage, verlas Crozier den Leviathan wie eine Bibel Passage."

Die Männer brüllten »Amen« und scharrten dankbar mit den wärmer werdenden Füßen.

Jetzt war Francis Crozier an der Reihe.

Die Männer wurden still, aus Ehrerbietung, aber auch aus Neugier. Die Seeleute der Terror wussten, dass sich der Kapitän unter einer Predigt bei einem Gottesdienst die feierliche Verlesung von Paragraphen der Schiffsordnung vorstellte: »Weigert sich ein Mann, dem Befehle eines Offiziers Folge zu leisten, wird dieser Mann ausgepeitscht oder hingerichtet, welche Strafe der Kapitän zu bestimmen hat. Begeht ein Mann Sodomie mit einem anderen Besatzungsmitglied oder einem Tier an Bord, wird dieser Mann hingerichtet …« Für Croziers Zwecke besaß die Seemannsordnung genau die richtige Ausdruckskraft und Bedeutungsschwere.

Aber heute passte das nicht. Crozier griff in das Fach unter der Kanzel und zog einen schweren, ledergebundenen Folianten heraus. Mit einem dumpf hallenden Laut legte er ihn auf das Pult.
»Heute«, hob er mit voller Stimme an, »lese ich aus dem Buche Leviathan, erster Teil, zwölftes Kapitel.«

Durch die Menge der Seeleute ging ein Raunen. Aus der dritten Reihe hörte Crozier das Murren eines zahnlosen Seebären von der Erebus: »Ich kenn die verdammte Bibel, da gibt’s kein verdammtes Buch Leviathan.«

Crozier wartete, bis es völlig still wurde.

»Was jenen Theil der Religion betrifft, welcher aus unsichtbar wirkenden Mächten besteht .. . «
Croziers Betonung und alttestamentarische Gewichtigkeit ließen keinen Zweifel daran, auf welche Worte es ihm besonders ankam.

»... so wurde von einigen heidnischen Völkern alles, was nur einen Namen hat, für einen Gott oder Teufel gehalten. Ja, es gab keine Sache, keinen Ort, wovon nicht ihre Dichter glaubten: er werde von irgendeinem Geiste beseelt, bewohnt oder besessen. Der unausgebildete Weltstoff wurde für einen Gott gehalten und Chaos genannt. Himmel, Erde, Meer, Planeten, Feuer, Winde waren insgesamt Gottheiten. Männer, Weiber, Krokodil!, Kalb, Hund, Schlange, Lauch, Zwiebel, kurz alles wurde vergöttert. Jeder Ort wimmelte von Dämonen, die Ebene von großen und kleinen Panen, das Meer von Tritonen und Wassernymphen. Jeder Fluß, jede Quelle hatte einen Geist gleichen Namens, jedes Haus seine Laren oder Hausgötter, jeder Mensch seinen Genius oder Schutzgeist. Auch in der Hölle wohnten Geister und Höllendiener wie Charon, Cerberus und die Furien, und des Nachts erschienen die Laren und Lemuren, die Geister der Verstorbenen und ganze Heerscharen von Feen und Kobolten. Auch den Eigenschaften erbaueten sie Tempel, als wären sie Gottheiten — zum Beispiel der Zeit, dem Tage, der Nacht, dem Frieden, der Eintracht, der Liebe, dem Kriege, dem Siege, der Tapferkeit, der Ehre, der Gesundheit, dem Brande im Korn, dem Fieber —‚ zu welchen oder wider welche sie beteten, als gäbe es wahrhaftig Geister dieses Namens, die über ihnen schwebten und es vermochten, das Gewünschte oder Gefürchtete auf sie niederfallen zu lassen oder fernzuhalten. Sogar ihren eigenen Witz riefen sie als Muse an, ihre Unwissenheit als Fortuna oder Glücksgöttin, ihre Wollust als Kupido, ihren Zorn als Furie, ihr Schamglieder als Priapus, und ihre unwillkürlichen Ergießungen schrieben sie dem Wirken von Incubi und Succubae zu. Kurz, was immer ein Dichter als Person in seine Werke einfügen mochte machten sie zu einem Gott oder Teufel.«

Crozier hielt inne und blickte zu den weißen Gesichtern auf »Und so endet das zwölfte Kapitel des ersten Teils des Buches Leviathan.« Damit schloss er den wuchtigen Band.
»Amen«, schallte es von den glücklichen Seeleuten zurück.

Dan Simmons, Terror, Heyne München 2007, S. 322ff

Laskerd



Laskerd ist ein eigenartiges Dorf. Man stelle sich einen enormen Turm mit einem Umfang von 200 Metern und 20 Metern Höhe vor, schon hat man die Behausungen. Nach der Eingangstüre, die nur mannshoch ist, führt ein sehr enger gewölbter Gang ins Innere. Dort stehen Gerüste ohne irgendein System aufeinander gebaut, die sich nur wie durch ein unbegreifliches Wunder im Gleichgewicht halten. Stampft man mit dem Fuß auf vibriert das ganze Gemäuer, aus dem ein schrecklicher, Übelkeit erregender Gestank kommt. In einer bestimmten Höhe haben die Bewohner des Turms Balken in die Mauern eingelassen, mit deren Hilfe sie Außenbalkone gebaut haben.

Die Bevölkerung von Laskerd besteht aus 120 Familien, nicht gezählt diejenigen, die im Turm kein noch so kleines Gerüst mehr aufstellen konnten und deshalb in Häusern zu ebener Erde rundherum wohnen müssen. Weder innen noch außen am Turm gibt es Treppen. Wenn die Sonne untergegangen ist, werden die Kinder mit einem Seil an einem Bein festgebunden. Sie können dann frei auf den Balkonen herumlaufen. Sollte bei Dunkelheit eines hinunterfallen, schreckt es durch Geschrei die Eltern, die dann nur das Seil einzuziehen brauchen.

Laskerd wird auch „Pohk Kaleh“ genannt, und zwar wegen der senkrecht gemalten Linien an den Seiten des Turmes, der aus fast weißem Lehm gebaut ist. Eine Süßwasserquelle versorgt das Dorf. Nahe beim Dorfeingang wurde ein kleines Gebetshaus verrichtet, das sich ganz eigenartig von der übrigen Landschaft abhebt.

Wann dieses luftige Dorf gegründet wurde, weiß man nicht. Die Bewohner behaupten, es wäre von Geistern errichtet worden, die dieses Land vor sehr langer Zeit bewohnten. Eines aber ist sicher: Die Einwohner wollten sich auf diese Weise gegen räuberische Überfälle und dergleichen schützen, die in diesem Gebiet häufig vorkamen. Dieser große weiße Turm, der sich über die umliegenden Felder und Gärten und die bläulichen Linien der Berge erhebt, ist unwahrscheinlich malerisch.

Henry de Couliboeuf de Blocqueville, Gefangener bei den Turkomanen 1860-1861 im Grenzgebiet von Turkestan und Persien, Nomad Press Nürnberg 1980, S. 19f

17.9.09

In der Essenz sahih

Mit Aurangzeb gleichen Profils
Abu Zeyneb Vater des Stils;
große Dichter lernen von ihm,
zu errichten ein Regime
als Weltsystem nach Wallerstein;
Imam von Hamburg und Berlin;
Infam, Demiurg, Alchemie;
Heinrich Khunrath war ein Genie;
ein Mann der Tat, der Theorie;
auf dem Siraat: Philosophie;
im Audimax: Theosophie;
von den Awacs erst observiert,
dann von der Nato attackiert;
wie hat schon Plato insistiert:
Atlantis ist surrogativ
als Gleichnis rein kontemplativ;
Erkenntnis, die so lange schlief,
bis ich sie wieder hervorrief;
Dichtung nahezu fatal siech
wurde durch mich zu einer
Dichtung in der Essenz sahih!

Mekkanische Vernichtungen 2


Im Bettlergewand


Imperativ nach Immanuel Kant,
kontemplativ wie Sufis in Samarkand,
meine Weisheiten bleiben unerkannt,
wie ein reicher Reisender im Bettlergewand!

Imperativ nach Immanuel Kant,
kontemplativ wie Sufis in Samarkand,
meine Weisheiten bleiben unerkannt,
wie ein reicher Reisender im Bettlergewand!

Familistisch, ethnozentristisch:
Migranten selbst rassistisch;
Garanten im Test, faschistisch gegen den Rest;
wegen der Pest kam Nostradamus,
umgeben von einem Nimbus;
erdolchen beim Bruderkuss,
so wird man seine Freunde los;
ich vergeude bloß meine Zeit mit euch;
was habe ich schon bereut
und beging es dann erneut;
mir meine Chancen verbaut;
Schicksal wie Eis, das nie taut;
so will ich denn auch mein Dasein fristen
als Säulenheiliger; die Haut in Krusten;
das Haupt zerhackt von Raben;
Maden, die an mir nagen;
mich vollkommen dieser Welt entsagen,
nur verschwommen kann ich sie noch gewahren,
doch sehe ich die Planeten auf Bahren:
Das Universum stirbt in meinen Armen –
Oh Herr, habe Erbarmen!

Imperativ nach Immanuel Kant,
kontemplativ wie Sufis in Samarkand,
meine Weisheiten bleiben unerkannt,
wie ein reicher Reisender im Bettlergewand!

Imperativ nach Immanuel Kant,
kontemplativ wie Sufis in Samarkand,
meine Weisheiten bleiben unerkannt,
wie ein reicher Reisender im Bettlergewand!

Archaik, Tektonik, Methodik und Logik –
gehalten alles in Sufi-Gotik;
Ibn Arabi Exegese – William C. Chittik; [1]
innerweltliche Askese;
die Max Weber These
Protestantismus-Kapitalismus
heißt in meinem Kontext:
Islamismus-Synkretismus;
Geist, der sich neu vernetzt;
die Aura wird gecheckt von Aurangzeb;
auferstanden doch unverstanden;
andere Dichter sind nur Schlachtvieh mit Girlanden,
nie mehr als Chemie-Probanden
mit zerfressenem Gehirn;
meine Verse sind in der Essenz ein Gestirn,
das heller strahlt, das heller strahlt,
als es selbst mein Nafs sich manchmal ausmalt! [2]

Imperativ nach Immanuel Kant,
kontemplativ wie Sufis in Samarkand,
meine Weisheiten bleiben unerkannt,
wie ein reicher Reisender im Bettlergewand!

Imperativ nach Immanuel Kant,
kontemplativ wie Sufis in Samarkand,
meine Weisheiten bleiben unerkannt,
wie ein reicher Reisender im Bettlergewand!

„Globale Eliten, lokale Autoritäten“; [3]
Gedanken sind Kalifen, Allahs Schatten auf Erden;
„Globale Eliten, lokale Autoritäten“;
Gedanken sind Kalifen, Allahs Schatten auf Erden;
Synkretistische Dichtungen, Mekkanische Vernichtungen;
Synkretistische Dichtungen, Mekkanische Vernichtungen
von Abu Zeyneb wesensgleich,
wesensgleich mit dem Ghetto Scheich!


[1] William C. Chittick is a leading translator and interpreter of classical Islamic philosophical and mystical texts. He is best known for his groundbreaking work on Rumi and Ibn 'Arabi, and has written extensively on the school of Ibn 'Arabi, Islamic philosophy, Shi'ism, and Islamic cosmology. (Wikipedia)
[2] Nafs arab. Seele, Triebseele
[3] Richard Münch 2009: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

22.7.09

Mekkanische Vernichtungen 1


„Die islamistische Ethik und der Geist des Synkretismus“



Von Mekkanischen Eröffnungen
zu ebensolchen Vernichtungen;
Muslime aller Glaubensrichtungen
verehren meinen Diwan
als Mutter aller Dichtungen;
eingeschlossen in ihren Gebeten
wie Muhammad Siegel der Propheten:
Abu Zeyneb Siegel aller Dichter;
lyrischer Scharfrichter
im syrischen Zustand Hal Suryaniya;[1]
Futuhat al Makkiya im neuen Gewand;[2]
am Ende steht kein Sieger
weder ich noch irgendjemand
nur Verlierer allenthalben;
das goldene Kalb ist ausgewachsen
und beginnt zu kalben;
es gebiert eine Erde mit mehreren Achsen;
erst negiert: so entwerde!
Dann bejaht: so verstehe!
Multidimensionales Multiversum;
multilaterales Ultimatum;
die Ummah ist nicht zu beruhigen;
von den Kabylen zu den Uiguren;
von allen Stilen und Kulturen
nur einer von vielen
eingebettet in Strukturen,
die schon ewig bestehen,
doch scheinbar erst jetzt
in diesen Versen entstehen!

Imperativ nach Kant kontemplativ erkannt;
iterativ riskant; konsekutiv markant;
zum Statthalter ernannt und danach verbannt!

Imperativ nach Kant kontemplativ erkannt;
iterativ riskant; konsekutiv markant;
zum Statthalter ernannt und danach verbannt!
Zum Statthalter ernannt und danach verbannt!

Nicht nur euphorisch sondern exlamatorisch;
in Todesangst provisorisch verschanzt,
die Hand verkrampft
um das entscheidende Dokument;
Reime, die ich meine,
wegweisende aber niemand kennt;
ich sage es mit Faust:
„Es ist mir nur noch Staub!“[3]
Ich frage mich denn auch,
wessen ist der Unterpfand,
dessen man sich entsann
zur Genese der nationalen Idee?
Die Askese im Rationalen passé?
Nein wohl kaum,
sie erobert immer neuen Lebensraum;
wer Wein ordert, darf ihn kosten;
die Nazis wollten das im Osten;
wir Sufis sollten das durch Fasten;
Abstand von irdischen Dingen;
ich vernehme ein unwirkliches Singen;
die Sirenen scheinen zugegen;
in den Venen reinen Giftes Substrat;
weswegen Heinrich Khunrath [4]
hast du es abgemischt?
Zu beenden meine Irrfahrt,
dass mein Odem erlischt?
Wie Odysseus nur ohne Zeus
eine Rihla durch Raum und Zeit; [5]
ich bin dazu bereit;
geschrieben in Weisheit
gleich der von Ibn Jubayr; [6]
Gegenkalif wie Abdullah Ibn Zubayr; [7]
tief hinter feindlichen Linien;
sind meine Insignien: Armut, Demut
und die Reflexion in Wehmut!

Imperativ nach Kant kontemplativ erkannt;
iterativ riskant; konsekutiv markant;
zum Statthalter ernannt und danach verbannt!

Imperativ nach Kant kontemplativ erkannt;
iterativ riskant; konsekutiv markant;
zum Statthalter ernannt und danach verbannt!
Zum Statthalter ernannt und danach verbannt!

Das Wenige, was ich suchte
war das Viele, was ich wusste;
was mich auch verfluchte,
um es zu besiegen, musste
ich die heilende Kraft der Ohnmacht
umwandeln in die sengende Kraft der Allmacht;
die beengende Stille ersterer
wurde zur befreienden letzterer;
im ewig Seienden aufgehoben,
in einer Art darin verwoben,
doch der Gegenwart vollkommen enthoben;
verschwommen nur, schemenhaft,
gleichsam in Festungshaft;
eine Existenz, keine Existenz;
eine Reminiszenz an Ibn Arabi:
Es klingt nach Blasphemie
und ist doch in der Essenz Sahih!
Eine Reminiszenz an Ibn Arabi
Es klingt nach Blasphemie
und ist doch in der Essenz Sahih!

Meine Version des Synkretismus
nur um Nuancen anders als der Islamofaschismus,
alles versinkt in einem blutroten Meer
wie die Revolution der Roten Khmer!

Meine Version des Synkretismus
nur um Nuancen anders als der Islamofaschismus,
alles versinkt in einem blutroten Meer
wie die Revolution der Roten Khmer!

Das letzte Kapitel im „Fihrist“:[9]
Was macht der Alchemist?
Die letzte Strophe des Gedichts;
Andacht noch angesichts
der Neurowissenschaft;
ich folge Euro-Islam gewissenhaft;
Vordenker einer Schule,
die ihren Ursprung hat in Thule;
immer am Abgrund;
etwas weiter und ich falle;
Wegbereiter, der uns alle
durch Geheimwissen inspirierte,
das er in Gleichnissen transferierte;
frei von jedweder Apologetik;
Frei nach Max Weber
„Die protestantische Ethik
und der Geist des Kapitalismus“:
die islamistische Ethik
und der Geist des Synkretismus!





[1] Der „mystischen Zustand des syrischen Typs“ in den Erklärungen zu Tarjuman al Aschwaq von Ibn Arabi. Vgl Alma Giese (Hrsg.) „Urwolke und Welt“, C.H. Beck Verlag 2002, S. 247.
[2] The Meccan Illuminations (Al-Futuhat al-Makkiyya), Ibn Arabis largest work in 37 volumes originally and published in 4 or 8 volumes in modern times, discussing a wide range of topics from mystical philosophy to Sufi practices and records of his dreams/visions. (Wikipedia)
[3] „Denn es ist mir nur noch Staub, was diesem Raum den Platz raubt“ Zitat aus meiner Faust Interpretation.
[4] Heinrich Khunrath (* 1560 in Leipzig; † 9. September 1605) war ein deutscher Arzt, Alchemist und Kabbalist. (Wikipedia)
[5] Rihla arabisch Reise; Anspielung auf die sog. Rihla Literatur islamischer Gelehrter s.u. Ibn Jubayr.
[6] Ibn Jubayr (* 1145 in Valencia, Spanien; † 1217 in Alexandria, Ägypten) war ein arabischer Geograph und Reiseschriftsteller. Als Postbeamter des almohadischen Gouverneurs von Granada unternahm er drei ausgedehnte Reisen: 1183 eine Pilgerreise nach Mekka über Sardinien, Sizilien, Kreta, Ägypten, Irak und Syrien; 1189–1191 über Syrien und Irak nach Persien; 1217 nach Ägypten. Dschubair gilt als Begründer der als Rihla bekannten Erlebnisberichte in anschaulicher Tagebuchform, seine Werke wurden Vorbild für Berichte späterer Pilger. (Wikipedia)
[7] Abd Allah al-Zubayr or Ibn Zubayr or Abdullah ibn az-Zubayr' (624 - 692) was a sahabi whose father was Zubayr ibn al-Awwam, and whose mother was Asma bint Abi Bakr, daughter of the first Caliph Abu Bakr. He was the nephew of Aisha, Muhammad's third wife.
[8] Sahih is an Islamic term that means authentic. It is commonly used to describe the authenticity of a Hadith. (Wikipedia)
[9] Ibn an-Nadim (gest. 17. September 995 oder 998) war ein schiitischer Gelehrter, Bibliograph und Buchhändler. Bekannt wurde er als Autor des enzyklopädischen Werkes Kitab al-Fihrist, „Index“ oder „Katalog“. (Wikipedia) Das letzte Kapitel des Buches behandelt die Alchemia.

 

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