8.7.09

Mekkanische Vernichtungen: Auftakt


Lasst uns das Brot nun gemeinsam brechen!
Alle gegenseitigen Verbrechen
seien darob vergeben, vergessen,
weihen wir doch Gott dieses Festessen;
an seiner Tafel: Freunde und Feinde;
hehre synkretistische Gemeinde!
Zuerst verneine, so dann bejahe;
gleich der Shahada, das La Ilaha
danach Illa llah; was einst Rinnsal war,
ward zu einem Strom; karg wie Kandahar
so endete Rom; Opfer am Altar
im lyrischen Dom; „der syrischen Art“ [1]
aus der Gegenwart einer Bergfestung,
die das Tal beherrscht, zu der Versenkung
eines Bergklosters, sei mein „Hal“, so dass
ich wie letzteres im wahnhaften Hass
etwas besseres hervorbringen kann;
bis zum letzten Mann auf Wink meiner Hand;
die „Armeen im Sand“ von John Sabini; [2]
Sulayman Hilmi reiste in Armut [3]
lehrte die Anmut der Religion
Analphabeten seiner Region
und heute beten die V.I.K.Z. [4]
gleichsam im KZ; Gedankeninzest;
Garanten im Test; wahrlich im Verlust
wenn auch unbewusst; Krieg bedeutet Flucht
Sieg bedeutet Sucht; Wer bringt mir den Kopf,
abgetrennt vom Rumpf mit scharfer Klinge
im ewigen Kampf, des Herrn der Ringe?
Des Herrn der Dinge erzeugte Wirren,
darin sie irren: Menschen wie Tiere;
ich insistiere: in mir ist Allmacht!
Kontemplatiere sie in der Andacht
wie als Widerhall dieser Welt im All
was einst war Wallhall, wurde zum Mahmal [5]
und ist nun der Geist, nicht „der stets verneint“ [6]
sondern mich anheißt, dass nunmehr vereint:
das Diesseits – es gleißt, das Jenseits – es scheint
in den Versen des Reichs – des Ghettos, des Scheichs!



[1] Anspielung auf den „mystischen Zustand des syrischen Typs“ in den Erklärungen zu Tarjuman al Aschwaq von Ibn Arabi. Vgl Alma Giese (Hrsg.) „Urwolke und Welt“, C.H. Beck Verlag 2002, S. 247.
[2] John Sabini, „Armies in the Sand: The Struggle for Mecca and Medina” Thames and Hudson 1981.
[3] Süleyman Hilmi Tunahan (* 1888 im Dorf Ferhatlar im damals osmanischen Regierungsbezirk Silistre - heute Delchevo im Bezirk Razgrad in Bulgarien; gest. 16 September 1959 in Üsküdar, Istanbul) war ein bedeutender islamischer Gelehrter des 20. Jahrhunderts. Auf seine Lehren berufen sich in Deutschland insbesondere die im Verband der islamischen Kulturzentren zusammengeschlossenen Moscheegemeinden.(Wikipedia)
[4] Verband der Islamischen Kulturzentren, Süleymancis
[5] Vgl. zum Mahmal in diesem Blog den ausführlichen Eintrag unter der Kategorie Hajj Recherche Projekt.
[6] Mephistos Ausspruch in Faust: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wär's, daß nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element.“

29.6.09

From Verdun to the Ka'ba

“Throughout the period of the Hajj Amir Husayn manifested continuous signs of his favor toward our representatives and pilgrims. He named Si Kaddour and Commander Cadi to assist in the annual cleansing of the Bayt Allah, a much appreciated honor. At the solemn prayer which followed the ceremony the Amir took up his position at the place, marked with a marble slab, where Muhammad had prayed and had Si Kaddour stand beside him, and then, before he gave die signal for prayer to begin, said to Commander Cadi in a bad voice, “From Verdun to the Ka’ba!” which made a deep impression on the thousands in attendance, since at that time everyone knew that if the Allies were not defeated, it was because the French, alone, had held at Verdun.
The pilgrimage left Mecca on the 6th for Mount Arafat where the Great Feast was celebrated on the 8th. The number of pilgrims was estimated at 3 0,000. The Grand Sharif was favorably received throughout. He had his band play the “Marseillaise“ at Arafat in honor of the pilgrims and reviewed the troops of Aziz Ali al-Misri—one squadron, 2 infantry companies, 2 mountain batteries, composed of Turkish deserters or prisoners and an Egyptian detachment.”

General Edouard Bremond: Le Hijaz dans la Guerre Mondiale. Paris: Payot, 1931. 52ff. As cited in Peter, F.E.: The Hajj. The Muslim Pilgrimage To Mecca And The Holy Places. Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1996 S. 326

27.5.09

Einhörner in der Moschee von Mekka

Almost all the visitors to Mecca take note of the pigeons in the Hand recount one or other of the legends current about them. But Varthema [Ludovico di Varthema, c. 1470-1517] saw there what no other visitor recorded, either before or since.

In another part of the said temple is an enclosed place in which there are two live unicorns, and these are shown as very remarkable objects which they certainly are. I will tell you how they are made. The elder is formed like a colt of thirty months old, and he has a horn in his forehead, which horn is about three braccia [nearly six feet] in length. The other unicorn is like a colt of one year old, and he has a horn of about four palmi long [about sixteen inches]. The color of the said animal resembles that of a dark bay horse, and his head resembles that of a stag; his neck is not very long, and he has some thin and short hair which hangs on one side; his legs are slender and lean like those of a goat; the foot is a little cloven in the fore part, and long and goat-like, and there are some hairs on the hind part of the said leg. Truly this monster must be a very fierce and solitary animal. These two animals were presented to the Sultan of Mecca as the finest things that could be found in the world at the present day, and as the richest treasure ever sent by a king of Ethiopia, that is, by a Moorish king. He made this present in order to secure an alliance with the said Sultan of Mecca. (Varthema 1863: 49)

Whatever said animal was, Varthema certainly knew what he saw. Possibly a unicorn.

F.E. Peters: Mecca. A Literary History of the Muslim Holy Land. Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1994. S. 172f.

15.5.09

Ibn Malih "Labsal dessen..."

Der Anfang eines im Vergleich zu Ibn Jubayr, Ibn Battuta u.a. nahezu unbekannten Pilgerfahrtberichtes:

Als mich die Winde der Sehnsucht heftig erschütterten und das Herz mit den Flügeln des Verlangens schlug, jene Horizonte zu erblicken, und als Gott mir die Gnade gewährte, auf den Schiffen der Annehmlichkeit zu jenem bedeutenden Herrn abzureisen, und da die Schicksalsfügungen an den Ausgangspunkten und den Zielorten günstig waren [und ich] auf der Hin- und auf der Rückreise von der Hecke des Edelmutes umfangen und von den Zelten des Wohlbefindens und der Gesundheit umfaßt wurde, widmete ich meinen Eifer und mein Sinnen der Aufzeichnung meiner Reise und meiner Wanderung sowie der Erwähnung ihrer Anfangs- und Endpunkte im Text gemäß der Anzahl der Etappen und den Namen der Lagerplätze und Wasserstellen, und so verfaßte ich diese Reisebeschreibung und nannte sie

“Labsal dessen, der bei Tag und bei Nacht reist“

von den Regionen des Sonnenuntergangs zum Ziel der Hoffnungen und Wünsche [sc. Mekka und Medina] ‚ zum Herrn der Araber und Nichtaraber - Gott segne ihn und schenke ihm Heil. Wir bitten Gott um rechte Leitung und um Gelingen auf den besten Weg. Gerne gestehe ich den berühmten Gelehrten, den Führern der Menschheit, den Meistern in Prosa und Dichtung [meine] Schwäche mein] Unvermögen und [meine] Unfähigkeit darin, trefflich und gekonnt zu formulieren, und ich bitte sie um den Gefallen, über Fehler und eitles Gerede sowie über Mängel und Irrtümer, die sie möglicherweise entdecken, hinwegzugehen. Ich bitte Gott um rechte Leitung, denn Er verleiht Erfolg, wem Er will, und es gibt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott dem Erhabenen und Mächtigen.

Sabine Schupp: Labsal dessen, der bei Tag und bei Nacht reist. Ibn Malihs Uns as-sari was-sarib. Ein marokkanisches Pilgerbuch des frühen 17. Jahrhunderts. Berlin: Klaus Schwarz Verlag 1985. S. 19f

13.5.09

Diwanisches Exil

„Gott, der Eisen wachsen ließ“
und zu Weisen mich anhieß,
kundzutun das Paradies
in Versen; doch das Verlies
auf Erden noch mir den Sieg
unerreichbar macht im Krieg,
dessen letzte Schlacht Abschied
bedeutet von meinem Lied
der Vernichtung, die ich rief
durch die Dichtung, die mich tief
umformte bis zum Hanif;
jeder Gedanke Kalif;
Jeder Atemzug Wazir;
die Menschheit zerfetzt in mir;
Armageddon jetzt und hier;
das Panorama ist schier
unermesslich; weiß ich viel;
unvergesslich – nur ich fiel;
alles endlich – nur mein Stil,
gespeist aus Euphrat und Nil,
bleibt in Raum und Zeit stabil;
das diwanische Exil
aus dem Wahnsinn zu einem
synkretistischen Profil!

8.5.09

Holde Inkonsequenz

Auch in die Auffassung der Religion, welche im Grunde vielleicht die monotonste der Erde genannt werden kann und welche sich in jeder Sure ihres Korans bestrebt, alle Menschen in ein und dasselbe Modell hineinzuzwängen, haben diese launigen orientalischen Völker in holder Inkonsequenz eine Menge Mannigfaltigkeiten gebracht, so daß jetzt wahrscheinlich Mohammed, wenn er wieder zu Erde niedersteigen würde, sich in dem Chaos von Sekten und Ritualverschiedenheiten kaum zurechtfinden und in all den verschiedenen Sektierern wohl schwerlich die Jünger des von ihm gepredigten nüchternen unerbittlich einfachen Monotheismus erkennen würde.

Heinrich von Maltzan (1865): Meine Wallfahrt nach Mekka. Hrsg. von Gernot Giertz Tübigen: Erdmann 1982. S. 226f

4.5.09

Eindrucksvolle Zunamen

Der Herr dieser Stadt ist Qutb ad-Din, er ist auch Herr von Dara, Mardin und Ra‘s al-‘Ain. Er ist ein Verwandter der beiden Söhne von Babek. Diese Länder sind verschiedenen Regenten untertan, nach der Art der Könige der arabischen Länder in Spanien. Alle diese Herrscher schmücken sich mit Titeln, die mit dem Glauben (Din) verbunden sind. So hört man nur eindrucksvolle Zunamen und Benennungen, die für den Weisen ohne Nutzen sind. Darin sind Untertanen und ihre Könige gleich, die Reichen teilen den Brauch der Armen. Kein einziger ist unter einem zu ihm passenden Beinamen oder versehen mit einem Epitheton, dessen er wert ist, bekannt. Keiner außer Saladin, dem Herrn von Syrien, des Hedschaz und des Jemen, berühmt für seine Tugend und Gerechtigkeit. Hier harmonisiert der Name mit der Person, die Worte passen zu ihrer Bedeutung. Alle anderen Titel sind nur leere Worte, und Beweise fehlen. In welche Schwierigkeiten verwickeln sie sich bei der Annahme von religiösen Titeln! „Königliche Titel, unangebracht wie eine Katze, die ehrgeizig die Mähne des Löwen nachzuahmen versucht!“

Ibn Dschubair. Tagebuch eines Mekkapilgers. Aus d. Arab. übertr. u. bearb. v. Regina Günther. Stuttgart: Thienemann, Edition Erdmann 1985. S. 179

29.4.09

Das Ghetto und der Scheich

Vernichtungen des Selbst
in Dichtungen daselbst;
wem außer mir denn schmerzt,
dass vom Satan beherrscht,
diese Welt sich zerfleischt,
niemals Gnade erheischt;
von ihrem Herrn entleibt,
Gott, der unsichtbar bleibt;
das Jenseits morgen weilt
im Diesseits noch enteilt
in Gedanken; da keimt
in den Schranken gereimt,
die das Versmaß bestimmt,
was ein Ausmaß annimmt,
das es alles durchdringt,
da es Allah entspringt;
seine Zeichen erkennt,
wer der Allmacht gedenkt,
die vollkommen entgrenzt,
als Tod im Leben senst,
das sie zuvor erschafft;
Statthalter seiner Kraft:
der Mensch auf Erden hasst
sein Schicksal, das nicht passt
zum irdischen Palast,
den er sich erbaut hat;
was er nicht durchschaut hat:
zu Ruinen sein Wort!
Hochmut ist kein Ort,
der ewig andauert;
allein ewig lauert
das Biest in seiner Gruft
unterhalb jener Kluft,
die der Siraat passiert;
der Abgrund nach uns giert;
im Ursprung schon entzweit:
das Ghetto und der Scheich;
bilden eine Einheit
in meines Diwans Reich!

22.4.09

Massaker an Pilgern

Ewlyia Celebi berichtet über ein Massaker an Pilgern in der Heiligen Moschee von Mekka durch Beduinen:

„In den Jahren 1670-71, also ein Jahr vor meinem Besuch, war Hasan Pascha [dem ehemaligen] Majordomus von Ahmed Pascha „der Spinne“ die Würde eines Paschas von Jiddah verliehen worden. Es war seine Aufgabe, für die Reparatur der heiligen Orte zu sorgen sowie Geld einzuziehen, das für die Pensionen und Gaben an Scherifen und Bewohner der heiligen Städte sowie für [andere] Ausgaben benötigt wurde. Auch war er für die gute Ordnung in den heiligen Städten verantwortlich. Nun war es aber Gottes Fügung, dass [der Pascha] das Gehabe der Scherifen nicht ertragen konnte, so dass es einen Konflikt ergab. In jenen unheilvollen Jahr kam es zu einiger Verwirrung, als die Muslime beim Umkreisen der Kaaba waren, [so dass] die Pilger [zu ihrer eigenen Sicherheit] die Tore der Großen Moschee verschlossen. So saßen sie gefangen, nackt und im Pilgergewand, [wie sie eben waren]. Da sandte Hasan Pascha sofort zehn Fähnlein bewaffneter Leute durch das Tor des Umar; diese stiegen auf die Große Moschee und hielten Wache. Aber die Herren Scherifen hatten viele Tausend Banditen ausgeschickt, die mit Musketen bewaffnet waren. Von der Höhe des Abu Kubays sowie von den 18 Galerien der sieben Minarette und den umliegenden theologischen Schulen schossen [diese] auf die muslimischen Pilger. Aus dem Volke, das Muhammad ganz besonders nahestand [den Gläubigen], lagen in dem Areal der Großen Moschee 700 Verletze und 200 Tote.“

Aus: Faroqhi, Suraiya 1990: Herrscher über Mekka. Die Geschichte der Pilgerfahrt. München/Zürich: Artemis Verlag. S. 198f

20.4.09

Der Mahmal


Der Mahmal, eine Kamelsänfte aus einem Holzgestell mit pyramidenförmigem Aufbau und einem Stoffüberzug, wurde erstmals 1266 durch den mamlukischen Sultan Baibars (reg. 1260-1277) in den Hijaz entsandt, um sein Recht auf Kontrolle über die Heiligen Stätten zu manifestieren. Verschiedentlich wurde die Ansicht geäußert, der ägyptische Mahmal gehe auf das Vorbild einer prachtvollen Kamelsänfte zurück. mit der die Sultanin Shajar ad-Durr (reg. 1250) im Jahre 648 h ( 1250) nach Mekka reiste.

Die Gestaltung des ägyptischen Mahmal wurde im Laufe der Zeit immer aufwendiger. Neben brokatbesetzten Seidenstoffen wurden Gold und Silber für die Aufschriften – zunächst Segenswunsche für den ägyptischen Sultan und später Koranverse – verwandt. Der prachtvolle Überzug des Mahmal - wie der der Kaaba Kiswa genannt – wurde nur anlässlich der Zeremonien und Paraden in Kairo und Suez und den Hauptstationen auf dem Weg des Mahmal im Hijaz verwandt. Ansonsten wurde die Sänfte durch ein einfaches Tuch aus grünem Stoff geschützt. Die brokatbesetzte Kiswa im Wert von etwa 1.500 ägyptischen Pfund wurde nur zu besonderen Anlässen erneuert. Mit der grünen Kiswa hingegen wurde alljährlich nach der Pilgerfahrt das Grab des Yunus as-Sa’di in der Nähe des Bab an-Nasr bedeckt; er hatte sein Leben lang im Dienste des Mahmal gestanden.

Der Mahmal wurde unterwegs auf einem Kamel transportiert, das am Zügel geführt wurde. Dieses Kamel wurde nach seiner körperlichen Konstitution und Eignung sorgfältig ausgewählt, fortan in einem speziellen Stall gefüttert und von allen weiteren Anstrengungen verschont. Das Mahmal-Kamel der syrischen Karawane war nach der Pilgerfahrt von allen Lasten entbunden und verspeiste für den Rest seines Lebens ein großzügig bemessenes Gnadenbrot. Bei den Zeremonien wurde es mit dem Mahmal verehrt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden Mahamil [Plural von Mahmal] aus verschiedenen Zentren der islamischen Welt entsandt; in erster Linie sind hier der syrische, der irakische und der jemenitische Mahmal zu nennen. Der Mahmal stand im Mittelpunkt der ägyptischen Karawane. Er gab ihr den Namen Mahmal-Karawane (rakb al-mahmal, und nicht selten wird nur das Wort Mahmal verwandt, wenn damit nicht der Mahmal im engeren Sinne, sondern die ganze Karawane gemeint ist.

Neben dem Symbol politischer Ansprüche und Einflussnahme des ägyptischen Herrschers an den Heiligen Stätten wurde der Mahmal bald zum Gegenstand volksislamischer Verehrung. Den religiösen Massen, denen die Mittel fehlten, selbst die Pilgerfahrt zu vollziehen, erschien der Mahmal als ihrer aller Stellvertreter, den sie vor und nach der Reise zu berühren oder zu küssen versuchten, wenigstens aber gesehen haben wollten. Die Kritik mancher Theologen an solchen Formen volksislamischer Frömmigkeit blieb nicht aus.

Die Tradition, den Mahmal in einer feierlichen Zeremonie durch die Straßen von Kairo zu führen, ist seit dem Jahr 1277 belegt. Ebenfalls in mamlukischer Zeit konnten sich bald drei Mahmal-Prozessionen etablieren. Eine erste fand im Monat Rajab im Beisein des Befehlshabers der Pilgerfahrt, seiner Truppen und Wasserträger, des obersten Marktaufsehers und der Notabeln statt und sollte die Einwohner an die nahende Pilgersaison erinnern. Zwei weitere Paraden fanden anlässlich der Abreise der Mahmal-Karawane im Monat Shawwal und anlässlich ihrer Rückkehr im Muharram statt. Die drei Zeremonien blieben an sich bestehen, verschoben sich aber, nachdem die Modernisierung der Transportmittel die Reise erheblich verkürzt hatte und die Karawane Kairo erst im Monat Dhul-Qa’da verließ. In der zweiten Hälfte des Monats Shawwal wurde nun der Mahmal in einer ersten Zeremonie von seinem Aufbewahrungsort im Finanzministerium zum Salah ad-Din-Platz unterhalb der Zitadelle gebracht und dort gleichzeitig mit der noch ungenähten Kiswa verehrt. In Anwesenheit des Khediven, - der Minister, Religionsgelehrten und Notablen, der Offiziere und Soldaten und zahlreicher Einwohner von Kairo wurde zunächst dem Herrscher mit 21 Salutschüssen, Musik und den Zurufen der Mengen Verehrung gezollt. Der Direktor des Dar al-Kiswa führte dann das Mahmal- Kamel siebenmal im Kreis und übergab die Zügel dem Khediven. Dieser küsste sie und gab sie dem Qadi al-Qudat weiter, der sie ebenfalls küsste und dem Direktor der Dar al-Kiswa zurückgab. Nach der Feier der Kiswa wurde das Ende der Zeremonie mit 21 Salutschüssen signalisiert, und der Khedive und die Anwesenden zogen sich zurück. In einer Prozession wurde der Mahmal zunächst mit der Kiswa zur Husain-Moschee, dann in die Produktionsstätte der Kiswa in der Shari’ al Hurunifish gebracht, wo er bis zur Feier der Abreise des Mahmal verblieb. In der Mitte des Monats Dhul-Qa’da wurde der Mahmal anlässlich des Aufbruchs der Karawane in den Hijaz erneut gefeiert. Auf dem Salah ad-Din-Platz übergab der Direktor der Produktionsstätte der Kiswa die Zügel des Mahmal-Kamels dem Khediven, der diese in einem symbolischen Akt dem Befehlshaber der Pilgerfahrt reichte. Der Zeremonie wohnten wiederum neben Würdenträgern der Karawane und dem Khediven Minister, Notabeln, namhafte Persönlichkeiten, die Religionsgelehrten und zahlreiche weitere Zuschauer bei. In einer feierlichen Prozession zog dann die Mahmal-Karawane in fester Anordnung zum Bab an-Nasr und dann zur Bahnstation al-Abbasiya Im Nordosten von Kairo. Die Parade, bei der der Befehlshaber der Pilgerfahrt das Mahmal-Kamel führte, wurde von Polizisten und Soldaten überwacht und von den Führern der Bruderschaften (arbab al-turuq) begleitet. Die Regierungsbehörden und -kanzleien blieben an diesem Tag geschlossen und die Zuschauer säumten die Straßen und beobachteten die Prozession von den Balkonen und Dächern der Häuser aus.

Überall unterwegs wurde der Mahmal gefeiert. So versprach man sich Segen davon, Säuglinge herbeizubringen, die den Mahmal sehen und nach Möglichkeit berühren sollten. Wer nicht bis zur Sänfte vordringen konnte, warf beispielsweise den Mahmal-Bediensteten ein Taschentuch zu, in das Geld oder Nahrungsmittel eingewickelt waren. Die Diener entnahmen den Inhalt, berührten mit dem Tuch den Mahmal und warfen es wieder zurück.

Mit dem Zug nach Suez transportiert, wurde der Mahmal dort mit 21 Salutschüssen, Musik und Rufen der Anwesenden empfangen. Zur Feier des Mahmal bildeten die Mahmal-Garde und die Polizisten der Stadt sowie die Soldaten ein Spalier und säumten so den Weg der Mahmal-Prozession, an der der Befehlshaber der Pilgerfahrt, der Treuhänder der Surra, der Gouverneur von Suez, die Führer der Bruderschaften und die Bevölkerung beteiligt waren. Am Ende der Zeremonie gab die Mahmal-Garde in Erwiderung des ihr entbotenen Grußes 21 Salutschüsse ab.

Mit dem Schiff gelangte der Mahmal dann von Suez nach Dschidda und wurde bei der Ankunft im Hijaz erneut gefeiert. 1901 waren es 600 osmanische Soldaten, die zu diesem Anlass in Dschidda ein Spalier für den Mahmal bildeten, durch das dieser vom Befehlshaber der Pilgerfahrt, dem Treuhänder der Surra und der Mahmal-Garde durch die Straßen der Stadt geführt wurde. Für die Bevölkerung war die Anwesenheit des Mahmal in ihrer Stadt ein Fest. Sie drängten sich, ihn zu sehen und zu feiern und begleiteten die Karawane bei ihrem Aufbruch nach Mekka ein kleines Stück Weges.

Nach der Ankunft in Mekka bezog die Karawane mit dem Mahmal ihr Lager in Shaykh Mahmud am Eingang der Stadt und brach am 8. Dhul Hijja von dort auf in Richtung Arafat. Im Anschluss an die Riten der Pilgerfahrt, bei denen der Mahmal die ägyptische Präsenz erneut versinnbildlichte, wurde er in den Innenhof des Heiligtums von Mekka gebracht. Dort blieb er auf einem speziellen Sockel – bedeckt mit dem schlichten grünen Tuch und bewacht von einigen Soldaten der Mahmal-Garde – bis die Karawane Mekka verließ. Zahlreiche Menschen aller Herren Länder kamen unterdessen in die Moschee, um den Mahmal zu sehen. Der osmanische Wali legte den Zeitpunkt zur Feier des Auszugs des Mahmal aus der Moschee und seiner Abreise fest und teilte ihn dem Befehlshaber der Pilgerfahrt mit. Hierbei wurde zunächst der grüne Überzug des Mahmal gegen die prachtvolle Kiswa eingetauscht. Vor dem Bab AIi stellten sich osmanische Soldaten und die Mahmal-Garde in zwei Reihen einander gegenüber auf. Auch die Beamten der in Mekka ansässigen Regierung des Hijaz waren bei dieser Zeremonie anwesend und trugen ihre offiziellen Uniformen und Auszeichnungen. Der Befehlshaber der Pilgerfahrt übergab dem Wali die Zügel des Mahmal-Kamels, dieser drehte damit fünf Runden und gab sie an den Befehlshaber zurück. Zuvor hatte dasselbe Zeremoniell mit dem syrischen Mahmal stattgefunden. Am Ende der Feier standen Bittgebete für den Sultan, den Scherifen, den Weli und den Khediven.

Wenige Tage später brach die Mahmal-Karawane auf dem Landweg oder über Dschidda und Yanbu‘ in Richtung Medina auf. In Medina wurde der Mahmal beim Stadttor Bab al-Anbariya durch ein Spalier osmanischer Soldaten und mit Musik feierlich in Empfang genommen. An einer Prozession des Mahmal vom Bab al-Anbariya zur Prophetenmoschee, die häufig erst einen Tag später stattfand, wirkte neben den Mahmal- Bediensteten und Soldaten die Bevölkerung der Stadt begeistert mit. Am Tor Bab as-Salam des Heiligtums wurde der Mahmal vom Kamel heruntergenommen und hinter dem Tor in der Nähe der Prophetenkanzel abgestellt. Bedienstete des Mahmal und Eunuchen der Prophetenkammer in weißen Gewändern und Turbanen nahmen dann die Kiswa des Mahmal ab und legten sie in die Grabkammer des Propheten. Am Ende des Aufenthaltes der Karawane in Medina wurde der Mahmal wieder aus der Prophetenmoschee herausgeholt und in einer ebensolchen Prozession zurück zum Bab al-Anbariya geleitet. Zur Abreise des Mahmal spielte erneut die Musik, und die osmanischen Soldaten standen beidseits des Weges.

Im Jahre 1903 bedeutete die aufgrund der Wahl eines neuen Weges zustande gekommene Ankunft des Mahmal in Yanbu‘ eine besondere Sensation, die man ebenso wie die Abreise des Mahmal unter Beteiligung des Gouverneurs und des Hauptmannes der Stadt, osmanischer Soldaten und Einheimischer feierte.

Schließlich wurde die Rückkehr des Mahmal nach Kairo in einer letzten und abschließenden Zeremonie auf den Salah ad-Din-Platz mit den Ministern, den Religionsgelehrten, den hochgestellten Persönlichkeiten der Stadt und der Bevölkerung begangen. Hierbei gab der Befehlshaber der Pilgerfahrt die Zügel des Mahmal-Kamels dem Khediven persönlich oder einem beauftragten Stellvertreter zurück. Dann wurde der Mahmal im Geleit von Militär und der Mahmal- Garde in einer Prozession zu seinem Aufbewahrungsort im Finanzministerium gebracht.

Nach ihrer ersten Eroberung Mekkas wurden die Wahhabiten, die volksislamische Praktiken wie die Verehrung des Mahmal als unislamische Neuerungen rigoros ablehnten, 1806 erstmals mit dem ägyptischen Mahmal konfrontiert. Die Kamelsänfte selbst erschien ihnen ebenso intolerabel wie das bewaffnete Militär und die Musiker, die sich im Geleit der Karawane befanden. Die ägyptische Rückeroberung des Hijaz 1812 beendete den Konflikt nur vorläufig. Nach der erneuten Eroberung Mekkas durch Ibn Saud 1924 flammte die Auseinandersetzung um den islamischen Charakter des Mahmal zwangsläufig wieder auf. Die wahhabitische Haltung hatte nichts von ihrer Unerbittlichkeit eingebüßt; nach der Pilgerfahrt von 1926 wurde der Mahmal durch die neuen Herren des Hijaz endgültig verboten. In Kairo fanden dennoch ab 1937 wieder vor und nach der Pilgerreise Zeremonien zur Verehrung des Mahmal statt, obwohl dieser nie wieder zu den Heiligen Stätten gelangen konnte. Allmählich meldeten sich aber auch die Skeptiker unter den ägyptischen Religionsgelehrten die teilweise mit der Wahhabiyya sympathisierten immer nachdrücklicher zu Wort. 1952 verurteilten der Rektor der Azhar und der ägyptische Großmufti die Verehrung des Mahmal in mehreren Punkten als unislamisch; 1953 schließlich wurden die Feierlichkeiten nach einem erneuten Fatwa eingestellt. Die Kritik galt vor allem der Beteiligung von Militär. Musikern und den Führern der religiösen Bruderschaften. Die sieben Umkreisungen, die Bestandteil der Zeremonie waren, erinnerten – so die Argumentation – in ungebührlicher Weise an die siebenmalige Umkreisung der Kaaba beim Tawaf, das Küssen der Kamellonge an das Küssen des schwarzen Steines. Ferner werde die Bevölkerung durch solche Zeremonien irregeführt. Da die Sanfte in Wirklichkeit keinerlei religiösen Charakter habe.

Stratkötter, Rita 1991: Von Kairo nach Mekka. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Pilgerfahrt nach den Berichten des Ibrahim Rif'at Basha: Mir’at al Haramain. Berlin: Klaus Schwarz Verlag. S. 63ff (leicht modifiziert in der Schreibweise und der Anordnung)

 

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