7.8.06

Highlights aus Hayy Ibn Yaqzan

Denn der Spielraum ist eng, und etwas in Worten auszudrücken, das nicht dafür geeignet ist in Worte gefasst zu werden, ist gefährlich.

Unser Wille ist es, dich auf jene Pfade zu lenken, auf denen wir uns schon bewegten, und dich in jenem Meer schwimmen zu lassen, das wir bereits vor dir durchquerten, damit du schließlich dorthin geführt wirst, wohin auch wir geführt wurden. Dann wirst du schauen, was wir geschaut haben, und dem Scharfblick deiner Seele über all das Gewissheit erlangen, was auch uns zur Gewissheit geworden ist, und du wirst nicht mehr darauf angewiesen sein, mit deiner eigenen Erkenntnis an das, was wir erkannt haben, anzuknüpfen. Dies erfordert allerdings ein nicht geringes Maß an Zeit, Befreiung von anderen Beschäftigungen und eine vollständige Hingabe an dieses Vorhaben. Wenn dein Entschluss, dich in diese Aufgabe zu stürzen, ernsthaft und deine Gesinnung aufrichtig ist, dann wirst du am Morgen zufrieden sein mit deiner nächtlichen Reise, Segen ernten für deinen Weg auf diesem Geleise und deinen Herrn zufriedengestellt haben, sowie Er dich in gleicher Weise. Ich führe dich so weit du willst auf dem direktesten und vor Gefahr und Unheil sichersten Weg — auch wenn mir bis jetzt nur ein kurzer, flüchtiger Blick gelungen ist — in der Absicht, dein Verlangen zu wecken und dich anzuspornen, den Weg in Angriff zu nehmen. So will ich dir nun die Geschichte erzählen von Hayy ibn Yaqzan, Absal und Salaman, deren Namen schon Ibn Sina erwähnt hat; in ihrer Geschichte liegt eine Lehre für die Leute mit einem verständigen Herzen (Q12:111) und eine Mahnung für den, der ein Herz hat, oder für den, der zuhört und bei der Sache ist (Q 50:37).

Zudem belegen die mathematischen Wissenschaften mit schlüssigen Beweisen, dass die Sonne von kugelförmiger Gestalt ist, und ebenso die Erde; ferner wird auch bewiesen, dass die Sonne um vieles großer ist als die Erde und etwas mehr als die Hälfte der Erdoberfläche ständig von der Sonne beschienen wird.

Es zeigte sich ihm, dass es bei allen anderen Formen ebenso war, und so wurde ihm klar, dass die Wirkungen, die von den Formen ausgingen, in Realität nicht von ihnen kamen, sondern von einem Urheber, der durch sie die Wirkungen, die ihnen zugeschrieben wurden, bewirkte. Dieses Moment, das sich ihm zeigte, ist das, was ausgedrückt wird im Wort des Propheten Gottes — Er segne ihn und schenke ihm Heil: Ich war das Hören, durch das Er hört, und Sein Sehen, durch das Er sieht und in der eindeutig bestimmten Offenbarung: Und nicht ich habt sie getötet, sondern Gott. Und nicht du hast jenen Wurf ausgeführt sondern Gott (Q 8:17) Nachdem er eine vage und unbestimmte Ahnung von diesem Urheber bekommen hatte, erwachte in ihm das heftige Verlangen, Ihn genauer zu erkennen. Da er die sinnliche Welt noch nicht ganz hinter sich gelassen hatte, begann er diesen Urheber unter den sinnlich wahrnehmbaren Dingen zu ohne zu wissen, ob Er eines oder mehreres war. Er ging alle Körper, die ihn umgaben und bis jetzt stets Gegenstand seiner Überlegungen waren, der Reihe nach durch und bemerkte, dass sie alle bald entstanden, bald vergingen, und wenn etwas nicht als Ganzes dem Vergehen unterworfen war, dann doch seine Teile, wie beispielsweise das Wasser oder die Erde. Denn er sah, dass deren Bestandteile durch Feuer zugrunde gehen konnten; auch die Luft konnte durch starke Kälte zugrunde gehen und zu Wasser oder Schnee werden, und das gleiche galt auch für alle anderen Körper um ihn herum, denn er hatte festgestellt, dass kein einziger von ihnen dem Werden enthoben war und nicht eines Urhebers bedurft hätte. So verwarf er sie alle und richtete seine Überlegungen auf die himmlischen Körper.

Weiter sagte er sich auch: »Wenn die Welt entstanden ist, dann muss es auch einen Urheber dieses Entstehens geben. Aber warum hat dieser Urheber, der sie entstehen ließ, das gerade zu diesem Zeitpunkt getan und nicht schon früher? Etwa auf Grund irgendeines Ereignisses, das auf Ihn eingewirkt hat? Aber es war ja nichts da außer Ihm! Oder auf Grund irgendeiner Veränderung, die sich in Seinem Wesen ereignet hat? Doch wer war der Urheber dieser Veränderung? (..) Er sah folgendes ein: Wenn er annahm, dass die Welt entstanden war und ins Sein trat, nachdem sie zuvor nicht da war, so folgte daraus mit Notwendigkeit, dass sie unmöglich nur durch sich selbst ins Sein treten konnte, sondern dass sie eines Urhebers bedurfte, der sie ins Sein treten ließ. Dieser Urheber konnte aber nicht sinnlich wahrnehmbar sein, denn wenn Er sinnlich wahrnehmbar gewesen wäre, dann wäre auch Er irgendein Körper gewesen. Wenn Er aber irgend ein Körper gewesen wäre, dann wäre auch Er ein Teil des Weltalls gewesen und hätte als Entstandenes wiederum eines Urhebers bedurft, der als etwas Körperliches seinerseits eines dritten Urhebers bedurft hätte und dieser wiederum eines Vierten und so weiter bis in die Unendlichkeit. Folglich musste die Welt einen unkörperlichen Urheber haben, und wenn dieser kein Körper war, dann war es auch ausgeschlossen, dass man Ihn sinnlich wahrnehmen konnte, denn die fünf Sinne konnten nur Körper oder was Körpern anhaftete wahrnehmen. Also war Er weder wahrnehmbar noch vorstellbar, denn die Vorstellung ist nichts anderes als die Vergegenwärtigung der Formen der sinnlich wahrnehmbaren Dinge während ihrer Abwesenheit; und da Er eben kein Körper war, waren auch körperliche Eigenschaften an ihm undenkbar. Die primäre Eigenschaft von Körpern war die Ausdehnung in Länge, Breite und Tiefe. Er musste dem ganz und gar enthoben sein und ebenso allen andern körperlichen Eigenschaften, die sich aus diesem Merkmal ergaben. Wenn Er nun Urheber der Welt war, dann besaß Er ohne Zweifel Macht und Wissen über sie (nach Q 16:70). Sollte einer, der die Welt geschaffen hat, nicht Bescheid wissen, wo Er doch Mittel und Wege findet und über alles wohl unterrichtet ist? (Q 67:14).

Ebenso ist die ganze Welt von diesem Urheber verursacht und erschaffen außerhalb der Zeit, denn bei Ihm ist es so: Wenn Er etwas will, dann sagt Er dazu nur: »Sei!«, dann ist es (Q36:82). Nachdem er erkannt hatte, dass alles Seiende Sein Werk war, betrachtete er es unter einem neuen Gesichtspunkt, nämlich mit Ehrfurcht vor der Macht ihres Urhebers, mit Bewunderung für Seine wunderbare Kunstfertigkeit, Seine subtile Weisheit und Sein präzises Wissen. In den kleinsten seienden Dingen — und erst recht in deren Größten — zeigten sich ihm Spuren der Weisheit und Wunder der Kunstfertigkeit, die ihn zutiefst in Erstaunen versetzten, und es wurde ihm zur Gewissheit, dass jene nur aus einem Urheber von äußerster Vollkommenheit —ja sogar über die Vollkommenheit hinaus — hervorgehen konnten. Ihm entgeht auch nicht das Gewicht eines Stäubchens, weder im Himmel noch auf der Erde. Und es gibt nichts, was kleiner ist als dies, und nichts, was größer ist (Q 34:3). (...) Ohne Unterlass untersuchte er sodann alle Attribute der Vollkommenheit und sah ein, dass sie alle Ihm zukamen und von Ihm ausgingen. Er war ihrer weit würdiger als alles übrige, das man neben Ihm noch mit diesen Attributen versah. Er untersuchte alle Attribute des Mangels und erkannte, dass Er ihnen enthoben und völlig frei von ihnen war. Wie hätte Er auch nicht frei von ihnen sein sollen, wo doch Mangel nicht anderes bedeutet als das reine Nichtsein oder das, was dem Nichtsein verbunden ist? Und wie hätte das Nichtsein verbunden oder vermengt sein können mit dem reinen Seienden, dessen Sein essentiell notwendig war und der jedem Seienden sein Sein verlieh? Außer Ihm gab es kein Sein. Er war das Sein, die Vollkommenheit, die Vollendung, die Güte, die Pracht, die Macht und das Wissen. Er war Er. Alles ist dem Untergang geweiht, nur Sein Antlitz nicht (Q 28:88).

Dadurch wurde ihm folgendes deutlich: »Für jemanden, der über ein derartiges Wesen verfügt, das zu einen einem solchen Erfassen fähig ist, stehen beim Zurücklassen des Körpers nach dem Tod folgende drei Wege bereit: Entweder hat er, solange er noch über seinen Körper verfügte, gar nie die Erkenntnis des Notwendig-Seienden erlangt, nie einen Bezug zu Ihm gehabt und auch nie etwas von Ihm gehört. Dann wird er beim Verlassen des Körpers kein Verlangen nach jenem Seienden empfinden und keinen Schmerz über seinen Verlust. Sämtliche Vermögen des Körpers gehen mit ihm zusammen zugrunde und verlangen nicht mehr nach ihren früheren Verrichtungen, sehnen sich nicht mehr nach ihnen und leiden nicht unter ihrem Verlust. Das ist der Fall bei allen unvernünftigen Lebewesen, gleichgültig, ob sie menschliche Form haben oder nicht. — Oder er hat, während er noch über seinen Körper verfügte, die Erkenntnis des Notwendig-Seienden erlangt und erkannt, wie vollkommen und gut Er ist, aber sich dann von Ihm abgewandt und seinen Leidenschaften gefrönt, bis ihn in diesem Zustand sein Geschick ereilt und ihm die Schau versagt wird, auch wenn er danach verlangt. So erleidet er endlose Qualen und unendliche Schmerzen, denen er entweder nach langer Anstrengung entrinnen und zur ersehnten Schau gelangen kann, oder aber er verbleibt auf ewig in seinen Schmerzen, abhängig von seiner persönlichen Disposition hinsichtlich dieser beiden Möglichkeiten während seines körperlichen Lebens. — Oder er gelangt zur Erkenntnis des Notwendig-Seienden, bevor er sich von seinem Körper trennt, wendet sich voll und ganz Ihm zu und richtet sein Denken auf Seine Größe, Güte und Pracht, ohne sich von Ihm abzuwenden, bis ihn sein Geschick ereilt, während er noch aktuell in diesem Zustand von Meditation und Schau ist. Ihm nun wird bei der Trennung von seinem Körper unendlicher Genuss, Seligkeit, Freude und Glück ohne Ende zuteil werden durch die ununterbrochene Schau jenes Notwendig-Seienden, die von Leid und Kummer unberührt ist, während die von den körperlichen Vermögen bedingten Verrichtungen aus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmung von ihm weichen werden, die in seinem Zustand ohnehin nur Schmerzen, Unheil und Behinderungen bedeuten würden.

Die Überlieferung und die Erkenntnisse des Intellekts stimmten nun für ihn überein, (...) Hayy Ibn Yaqzan verstand alles und erkannte darin keinen Widerspruch zu dem, was er an seinem erhabenen Standort geschaut hatte. Er wusste, dass derjenige, der dies verkündet hatte, eine zutreffende Beschreibung gegeben und wahrgesprochen hatte, also ein Gesandter seines Herrn war. Deshalb glaubte er an ihn, bestätigte seine Wahrhaftigkeit und legte für seine Gesandtschaft ab. Danach fragte er nach den Verpflichtungen und Verrichtungen des religiösen Lebens, worauf Absal ihm vom Gebet, der Almosensteuer, dem Fasten, der Pilgerfahrt und was es dergleichen mehr an äußerlichen Werken gab berichtete. Er akzeptierte all das, machte es sich zur Pflicht und begann, es zu befolgen, aus Gehorsam gegenüber dem Befehl von ihm, dessen Worte für ihn höchste Glaubwürdigkeit hatten.


Schlusswort von Shaykh Ibn Tufayl

Dies ist also - möge dir Gott mit Seinem Geist beistehen - Geschichte von Hayy ibn Yaqzan, Absal und Salaman. Sie enthält Worte, die noch in keinem Buch zu finden und in keiner gewöhnlichen Rede zu hören sind. Es handelt sich dabei um ein verborgenes Wissen, das nur Leute, die über Gotteserkenntnis verfügen, begreifen können und das nur denen, in Unkenntnis Gottes leben, verborgen bleibt. Damit sind wir allerdings vom Weg unserer frommen Vorfahren abgewichen die darauf bedacht waren, es geheim zu halten und möglich wenig davon preiszugeben. Was uns dazu bewogen hat, dies Geheimnis zu enthüllen und den Schleier zu lüften, sind die in letzter Zeit aufgetauchten verdorbenen Ansichten, mit denen sich die sogenannten Philosophen unserer Tage hervorgetan und diese so bekannt gemacht haben, dass sie sich in vielen Ländern verbreiten und allgemeinen Schaden anrichten konnten. Aus Furcht, dass die Schwachen, die den Glauben an die Autorität der Propheten zugunsten der Autorität von Dummköpfen verworfen haben, glauben könnten, jene Ansichten seien die vor den Unbefugten verborgen gehaltenen Geheimnisse, und diese deshalb nur noch stärker lieben und verehren würden, beschlossen wir, ihnen einen kurzen Blick auf das Geheimnis der Geheimnisse zu gewähren, um sie für die ernsthafte Suche nach der Wahrheit zu gewinnen und von jenem anderen Weg abzubringen. Dennoch haben wir die Geheimnisse, die wir diesen wenigen Blättern anvertraut haben, mit einem dünnen Schleier versehen, der sich durch den, der dazu bestimmt ist, schnell entfernen lässt, aber für den, der nicht würdig ist, ihn zu passieren, undurchdringbar dicht bleibt. Meine Brüder, die diesen Text lesen werden, bitte ich, mich für die Nachlässigkeit in meinen Erklärungen und die fehlende Strenge in meinen Beweisen zu entschuldigen; der Grund dafür liegt einzig und allein darin, dass ich in Höhen aufgestiegen bin, die dem Blick entschwinden, und versucht habe, dies in Worten annähernd wiederzugeben, um einen Anreiz zu schaffen und das Verlangen zu wecken, sich auf den Weg zu machen. Gott bitte ich um Nachsicht und Vergebung und dass er uns Klarheit schenken möge durch die Erkenntnis von Ihm, denn Er ist wohltätig und edel. Friede sei mit dir, mein Bruder, dem beizustehen eine Pflicht ist, sowie Gottes Segen und Sein Erbarmen.
(ABU BAKR IBN TUFAYL: "Der Philosoph als Autodidakt: Hayy Ibn Yaqzan" Erschienen im Felix Meiner Verlag Hamburg 2004)
 

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