8.9.06

Lisan ad Din Ibn al Khatib

Lisan ad Din Ibn al Khatib (1313-1375) studierte in Granada unter den besten Gelehrten seiner Epoche ein breites Spektrum an Wissenschaften: die Arabische Sprache und Grammatik, fiqh und tafsir, adab und Poetik, Medizin und falsafa, Geschichte und tasawwuf. Sein großes Wissen, noble Abstammung, literarisches Talent und ausgezeichnetes Gedächtnis befähigten ihn gleichzeitig eine politische Karriere zu durchlaufen, welche jedoch tragisch endete, und zudem Literat und Gelehrter zu sein. Sein sicherlich bekanntestes Werk ist Rawdat al ta`rif bi’l hubb al sharif. Er wurde in einem politisch motivierten Gerichtsverfahren von seinen Feinden wegen „Unglauben“ angeklagt, eine Anschuldigung, die er schlicht und einfach als haltlos zurückwies, und obwohl das Verfahren von seinen politischen Feinden initiiert wurde, war der Ausgang des Verfahrens keineswegs eindeutig zu seinen Ungunsten, denn es war von der Jury kein klares Urteil erreicht worden. Also wurde er wieder ins Gefängnis zurückgebracht, in welchem er dann bei Nacht von Verbrechern im Auftrag seiner Feinde erwürgt wurde. Sein Zeitgenosse und guter Freund Ibn Khaldun gibt davon einen detaillierten Bericht, zu dessen Ende das folgende Gedicht wiedergegeben wird, welches Shaykh Ibn al Khatib vor seiner Ermordung verfasst hatte.

Wir reisen weit, obwohl die Wohnungen nahe sind.
Obwohl wir eine Nachricht zu überbringen haben schweigen wir.
Unser Atem endet plötzlich, so als ob einem lauten Gebet eine leise Rezitation folgte.
Wir waren von edler Abstammung, aber wurden zu einem Haufen trockener Knochen.
Wir gaben anderen Nahrung, und nun wurden wir selber zu Nahrung [für die Würmer].
Wir waren wie strahlende Sonnen, welche hoch oben im Himmel reisen,
Nun sind die Sonnen untergegangen, beklagt von den verwaisten Sternen.
Viele Krieger mit Schwertern bewaffnet fielen durch einen Regen von Pfeilen.
Viele vom Schicksal gesegnete, versagte plötzlich ihr Schicksal.
Viele junge Adlige, welche die königliche Robe trugen, wurden zu Grabe getragen, gehüllt in Fetzen.
So sagt den Feinden: „Ja, Ibn al Khatib ist gegangen, aber gibt es jemanden der nicht eines Tages gehen wird?“ Und sagt denen, welche sich über diese Nachricht freuen: „Nur jemand der denkt, dass er niemals sterben wird, freut sich an einem solchen Tag!“
(Ibn al Khatib, Diwan, Bd. 1, S. 185)
 

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