17.9.06

Transzendenz in der Moderne

Transzendente Erfahrungen können für das Subjekt ein Mittel oder eine Möglichkeit sein, sich den Entsubjektivierungstendenzen in Gesellschaften zu entziehen oder daraus sogar Kraft zu schöpfen, gegen diese anzukämpfen. Deshalb hat Touraine [franz. Soziologe, geb. 1925 Anm. v. A.Z.] auch im Unterschied zu Theoretikern wie Habermas [wobei dieser gerade in neueren Veröffentlichungen seine Position deutlich modifiziert hat] ein deutlich ambivalenteres Verhältnis zu Säkularisierungsprozessen. Für Touraine ist Säkularisierung jedenfalls kein fundamentales oder gar notwendiges Kennzeichen der Moderne. Selbst wenn er religiösen Bewegungen deutliche Skepsis entgegenbringt und in ihnen immer auch Gefahr einer Überwältigung des Subjekts sieht, so betont er doch gleichzeitig, dass der Glaube an Gott und religiöse Vergemeinschaftungsformen nicht per se modernitätsfeindliche Phänomene seien – eine Position, die in vielen Teilen der Welt ja auch mit empirischer Bestätigung rechnen kann und die eingesteht, dass die Säkularisierungstheorie in ihrer globalen Formulierung grandios gescheitert ist, nur auf Westeuropa (einigermaßen) zutrifft und schon im nordamerikanischen Raum versagt.
Zitiert aus: Knöbl, Wolfgang; Alain Touraine in: Aktuelle Theorien der Soziologie; Kaesler, Dirk (Hrsg.), C. H. Beck München 2005. S. 96. Vergleiche: Touraine, A., Critique de la modernité. S. 356
 

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