14.11.06

Philosophie-Atlas von Holenstein

Positive Islam Darstellung im Philosophie-Atlas von Holenstein:
Für Europa hat J. G. Herder (um 1790 in Weimar) die Bedeutung der Religionen für die Ausdehnung der Achsenzeit-Kulturen und die damit einhergehende Neuausrichtung der Philosophie prägnant formuliert: »Die ganze Kultur des nord-, öst- und westlichen Europa ist ein Gewächs aus römisch-griechisch-arabischem Samen. [...] Die Philosophie der Araber hat sich über den Koran gebildet und durch den übersetzten Aristoteles nur eine wissenschaftliche Form erlangt. Der ungelehrte Mohammed teilt mit dem gelehrtesten griechischen Denker [AristoteIes] die Ehre, der ganzen Metaphysik neuerer Zeiten ihre Richtung gegeben zu haben.«

»Wissen« ‘ilm nimmt im Islam einen prominenten Platz ein. Um Wissen zu finden, soll ein Muslim nach einem Muhammad zugeschriebenen Wort notfalls bis nach as-Sin/China reisen. Der Islam hält zu interkultureller Offenheit an.
Jeder Mensch wird vom Qur‘an dazu angehalten, sich seiner eigenen »Vernunft« ‘aql zu bedienen. Der Islam respektiert die Menschen als Individuen. Offenbarung und Vernunft sind Gaben Gottes und so, »richtig« verstanden, in Übereinstimmung miteinander. Die Übereinstimmung ist offensichtlich nicht in jedem Fall selbstverständlich. Sie bedarf der intersubjektiven Disputation. Der Islam ist eine Streitkultur. Sämtliche »Wurzeln des Verstehens« oder »Quellen der Rechtsprechung« usul al-fiqh sind in Betracht zu ziehen und gegeneinander abzuwägen. Das sind zusätzlich zum Qur‘an und zur »mündlichen Überlieferung« sunna philosophisch anspruchsvolle Kriterien wie das des eigenen Urteilsvermögens ijtihad, des »Konsens« ijma, der Fachleute, des allgemeinen Wohls der Menschen istislah und schließlich der fairen Berücksichtigung sämtlicher Umstände istihsan. Seiner ganzen Anlage nach fordert der Islam zu philosophischen Überlegungen heraus.
Solche finden sich hauptsächlich in vier Bereichen: (a) in der »Wissenschaft der Theologie« ‘ilm al-kalam, (b) in der »Weisheit« hikma oder der »Philosophie« falsafa, ausgehend von Schriften hellenischer Philosophen, (c) in der »Rechtswissenschaft« ‘ilm al-fiqh und (d) im »Sufitum« tasawwuf der Mystik aus den Quellen des Islam.
Elmar Holenstein, Philosophie-Atlas – Orte und Wege des Denkens, Ammann Verlag 2004, S. 90 u. 92
 

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