3.11.06

Sturm über dem Nil

Auszüge aus: Wilfried Westphal, Sturm über dem Nil – Der Mahdi-Aufstand, Parkland Verlag 2002

Mit Sicherheit war der Mahdi nicht das Ungeheuer, grausam, bigott und blutrünstig, wie er von seinen Zeitgenossen in Europa, vor allem nach dem Fall von Khartum und dem Tod Gordons, gesehen wurde. Doch er war, am Ende, auch weit davon entfernt, ein wirklich Großer unter den Reformern der Religionen zu sein. Selbst im Sudan war die Verehrung seiner Person durchaus nicht einhellig. Wie aus dem folgenden Zeugnis, das von einem Sudanesen aus der Gegend von Sennar stammt, hervorgeht: »Siehe, ich ging, nachdem ich meine Studien an der Azhar vollendet hatte, ins Land Karkodsch an den Oberläufen des Blauen Nil, dort gründete ich eine halqa [religiöser Zirkel] zum Lehrvortrag und trieb Landbau. Als M. A. [Mohammed Ahmed] mit seiner Behauptung auftrat, schenkte ich ihm keine Beachtung; bald aber siegte er über Abu‘s-Sa’ud auf der Insel Abba, dann über Raschid Bey am Berge Gadir, und die Reden der Leute über seine Wunder und seine karamat [Gottesgaben] mehrten sich. Da beschäftigte ich mich dazumal mit seiner Sache und wanderte zu ihm aus nach dem Berge Gadir, um ihn mit eigenen Augen zu sehen und mich über sein tatsächliches Verhalten zu unterrichten. Ich fand bei ihm viel Volks, über 15000 Streiter, von den verschiedenartigsten Leuten, unter ihnen eine große Anzahl Gelehrte und Männer der Religion, die von Ost und West des Landes zu ihm gekommen waren in derselben Absicht wie ich. Ich fand die Gelehrten bei ihm in zwei Parteien gespalten: eine Partei, die fest überzeugt war oder die feste Überzeugung öffentlich bekundete, dass er der Mahdi el-muntazar sei, ohne daran zu zweifeln, und die ganze Öffentlichkeit war ihrer Meinung — und eine Partei, die sagte, er sei ein Zauberer und habe im Kampf gesiegt durch seine Zauberei, nicht durch seine Mahdijja. Ich nun hatte von ihm Dinge gesehen die mich verleiteten, an seiner Sache zu zweifeln: erstens nämlich sah ich ihn & seine besonderen Freunde in der ganima [Kriegsbeute] vor den übrigen seines Heeres bevorzugen und nicht gleichmäßig unter ihnen teilen, wie es das Gesetz fordert. Zweitens sah ich einige seiner Ansar reisende Kaufleute während ihres Handels überfielen, sie töteten, ihre Güter wegnahmen und sie unter sich verteilten, ohne dass er dies an ihnen missbilligte oder sie strafte. Drittens sah ich ihn, wie er sagte: „Wahrlich, wer meine Mahdijja leugnet, der ist schon ein Ungläubiger.“ – trotzdem die Säulen [d.h. grundlegenden Gebote] des Islam, wobei der Mensch, sobald er eine von ihnen leugnet, ungläubig geachtet wird, sechs [eigentlich fünf] sind, und der Glaube an den Mahdi nicht zu ihnen gehört. Viertens sah ich an ihm keins von den allgemeinen [physischen] Kennzeichen, die man über den Mahdi bekannt gemacht hat. Jedoch wollte ich mich von ihm losmachen: da zeitigte ich ihm die vollkommene Überzeugung von seiner Mahdijja und bat ihm um die Erlaubnis, zu meinen Leuten zurückzukehren, damit ich sie zu seiner Nachfolge und zum hl. Krieg auf Allahs Weg entflammte.«
(S. 247f.)


Häretische Lehre

Damit stellt die Mahdiya auch aus der Sicht des Islam keine Triumph dar. Es gelang ihr nicht, obwohl dies ihr eigentliches Anliegen war, zu den Urformen des Islam, seiner einstigen Kraft und Unverfälschtheit, zurückzukehren. Die Mahdiya degenerierte zu einer Sekte, in deren Mittelpunkt der Mahdi stand, der aber nicht eigentlich mehr als Messias, sondern lediglich als Heiliger verehrt wurde. Im Zentrum von Omdurman hatte man ihm ein monumentales Grabmal errichtet, und dies verwandelte sich in das obligate Ziel von Pilgerzügen ausdem ganzen Land. Ähnlich, wie das auch schon mit den Gräbern anderer Heiliger gewesen war. Allerdings im Falle des Mahdi einen Schritt weiter: der Besuch seines Grabes ersetzte die traditionelle Pilgerfahrt nach Mekka, und eine Sammlung seiner Gebete und Predigten, die in Form eines heiligen Buches, dem Ratib, veröffentlicht wurde, trat an die Stelle des Koran. Die Mahdiya wies letztlich nicht nur nicht den Weg zurück zur Lehre des Propheten; sie machte auch, indem sie den Mahdi an seine Stelle setzte, einem Usurpator Platz. Es war eine häretische Lehre, die aus der Forderung nach einer Umkehr entstanden war. Die Mahdiya hatte sich in ihr Gegenteil verkehrt!
(S. 280f.)

Welches Unglück das Leben Mohammed Ahmeds auch immer hervorgerufen haben mag, er war ein Mann von beträchtlichem Adel des Charakters, ein Geistlicher, ein Soldat und ein Patriot. Er gewann große Schlachten; er erneuerte die Religion und ließ sie wieder aufblühen. Er gründete ein Reich. Bis zu einem gewissen Grade reformierte er das sittliche Verhalten der Menschen. Indirekt, indem er Sklaven in Soldaten verwandelte, verminderte er die Sklaverei. Es ist unmöglich für jemand, der unparteiisch ist, das Zeugnis solcher Männer wie Siatin und Ohrwalder zu lesen, ohne den Eindruck zu gewinnen, daß der einzige besänftigende Einfluß, das einzige menschliche Element in dem strengen mohammedanischen Staat von diesem berühmten Rebellen ausging. Der ... [österreichische] Missionar [Ohrwalder] berichtet von >seinem ruhigen Lächeln, den angenehmen Umgangsformen, der Großmut und dem gleichmütigen Wesen<. Als die christlichen Geistlichen sich weigerten, den Koran anzuerkennen, und von den Soldaten und der Menge angegriffen und mit dem sofortigen Tode bedroht wurden, war es der Mahdi, der >als er sie in Gefahr sah, sich umwandte und sie aufforderte, vor seinem Kamel zu gehen, damit er sie so schützen konnte< ... Vielen seiner Gefangenen gegenüber bewies er Güte, was um so bemerkenswerter ist, wenn man seine Umgebung berücksichtigt und die Behandlung, die ihm widerfahren wäre, wenn ihn das Glück verlassen hätte. Einigen gab er Arbeit, anderen etwas Geld aus dem Beit-al-mal oder etwas zu essen von seinem eigenen Teller. Mit allen sprach er mit Würde und Geduld. So lebte er; und als er starb, im Ruhm unbestrittener Macht, wurde er beklagt von dem Heer, das er zum Sieg geführt hatte, und vom Volk, das er vom Joch der >Türken<> befreit hatte.
Winston Spencer Churchill, 1899
(S. 391)

Wie sich von Tiedemann, dessen Mission ja in der genauen Beobachtung der Ereignisse dieses Feldzuges bestand, weiter erinnert: »Der Sirdar und der Stab hatten hinter diesem Zwischenraum der britischen und der ägyptischen Division Stellung genommen; alle Feldgläser waren in gespannter Erwartung nach dem Höhenrücken gerichtet. Zur Linken glänzte der Nil in den Strahlen der aufgehenden Sonne; die Luft war sichtig und rein. Kurz nach 6 Uhr hörten wir von drüben her merkwürdiges summendes Tönen, das sich anfänglich niemand erklären konnte; bald schwoll es an, dann wieder verhallte es gänzlich — es war der Kriegs- und Sterbegesang von 50000 Derwischen.

Und dann erschienen sie auf dem Bergrücken; ein Anblick, den niemand vergessen wird, der ihn gehabt. Die breiten und tiefen Schlachthaufen der in weiße Gewänder gehüllten Derwische schimmerten wie helle Bänder auf der Ebene, neue und immer neue Scharen wälzten sich heran, die Sonne gleißte auf einem Meer von Speeren und Schwertern; allen voran und hoch zu Roß erschienen die Emire, einzelne von diesen vom Kopf bis zum Fuß in eiserne Kettenpanzer gehüllt, auf dem Kopf die stählerne, mittelalterliche Sturmhaube mit Nasenbügel und Helmdecken; bei ihnen die großen mit Koransprüchen bedeckten Fahnen. Der Gesang, die Kriegspauken und Tamtams waren bald deutlich zu hören und erfüllten die Luft mit tosendem Lärm; zeitweise vereinigten sich die Stimmen zu einem langgezogenen >Allahuuu! «

Es war zweifellos ein dramatischer Augenblick, als die Eingeschlossenen in ihrer Seriba der schier unbegrenzten Herrscharenren der Ansar ansichtig wurden. Auch wenn kaum ein Zweifel bestand, wie das Treffen ausgehen würde. In den Worten von Tiedemanns: »Wenn ich von mir auf andere schließen darf hat wohl jeder von uns etwas wie ein Zittern verspürt; nicht der Furcht, denn man wußte sich hinter der Seriba und all den Geschützen und Gewehren schützen und Gewehren so gut wie sicher; aber der Anblick vor uns und der Gedanke, daß dort viele tausend Menschen in dieser merkwürdigen Art ihrem Tod entgegengingen, hatte etwas tief Ergreifendes.«

Mochten die Mahdisten auch in der Überzahl sein (obwohl sie in verschiedenen Abteilungen operierten und nicht in ihrer Gesamtstärke angriffen), so hatten sie doch, als sie nun zum Sturm Gegen die Stellung der Invasoren ansetzten, keine Chance. Wie sich von Tiedemann weiter erinnert: »Bumm!!! Huihhh! Vom englischen linken Flügel her fiel der erste Kanonenschuß; die Granate krepierte, wie deutlich sichtbar, hinter der vordersten Linie der Derwische. Ich sah nach der Uhr, es war genau ½ 7. Gleich darauf schlug das zweite Geschoß mitten in die feindlichen Reihen, und dann folgte in geschützweisem Feuer Schuß auf Schuß bis zum Ende des ersten Angriffs. Die erste Granate wurde auf 3000 m gefeuert, von 2800 m an wurden ausschließlich Schrapnells gebraucht. Wie mir schien, krepierten diese fast immer in richtiger Entfernung — das Feuer der Artillerie war zweifellos gut dirigiert.

Dann begann ein Maschinengewehr seine Tätigkeit mit dem ihm eigenen klopfenden Lärm, ein zweites, ein drittes – zehn, zwanzig fielen ein; bald krachten die … Salven der Infanterie …, und als die Derwische, ohne in dem fürchterlichen Bleihagel auch nur für Augenblicke zu stocken, bis auf 1000 m herangestürmt waren, bildeten das Zentrum und der linke Flügel einzige krachende und feuerspeiende Linie.

Man sah, wie die Derwische in ganzen Haufen stürzten, wie die hellen Bänder in Streifen geschlitzt wurden, sich wieder zusammenschlossen und von neuem vorwärts stürmten; ihr Kriegsgesang verhallte unter dem betäubenden Donner der Feuerwaffen.«

Von Tiedemann erinnert sich: »Der vorderste Tote lag auf etwa 150 m vor der Feuerlinie; es war ein Emir, der eine große weiße Flagge trug und ohne rechts oder links zu blicken vor einem kleinen Derwischhaufen hergeritten war. Er schien ein gefeites Leben zu haben; denn als bereits alle seine Begleiter am Boden lagen, hatte er augenscheinlich noch immer keine Verwundung. Als er sich schließlich ganz alleine sah, machte er Halt, stemmte die Fahne in die Erde und stand so einen Augenblick regungslos. Dann brach sein Schimmel zusammen, Reiter und Fahne rollten zur Erde. Die Gibba, das weiße Gewand des Emirs, war von Blut überströmt, er richtete sich mühsam in kniende Haltung auf, wandte sein Gesicht nach Mekka und brach sterbend zusammen.«
(S. 356ff.)
 

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