24.12.06

Im Reich der Großmoguln 3

Shah Waliullah
Doch die Rolle der Naqshbandis in Indien wurde wichtiger. […] Die herausragende Persönlichkeit war Shah Waliullah, Sohn eines Juristen, der bei der Zusammenstellung der fatāwā-i ‘ālamgīrī mitgearbeitet hatte. Der 1703 Geborene verbrachte mehrere Jahre in Mekka und versuchte nach seiner Rückkehr nach Delhi den Islam zu erneuern. Eingeweiht in vier Sufi-Orden versuchte er zu beweisen, daß alle gleichwertig waren und jeder einen bestimmten Aspekt der geistigen Erfahrung stimulierte. Das gleiche galt seiner Meinung nach auch für die vier traditionellen Rechtsschulen des Islam. Die Ursache für die elende Lage der indischen Muslime sah Shah Waliullah in der Unkenntnis der religiösen Grundlagen ihrer Kultur. Dem suchte er durch eine Übertragung des Korans ins Persische, der Sprache der Gebildeten, abzuhelfen; denn mit Recht meinte er, daß die ungezählten Kommentare und Superkommentare zum Koran dessen Sinn eher verdunkelt denn erhellt hätten. Interessanterweise hatte schon Jahangir einem Sufi in Gujarat, dem Urenkel des großen Shah Alam, ein Koranexemplar in der Handschrift Yaquts geschenkt und ilm gebeten, das heilige Buch in klares, einfaches Persisch zu übersetzen.

Shah Waliullahs großes arabisches Werk, hujjat Allah al-bāligha, versucht die Ursachen für die Lage der Muslime in Indien zu erklären, wobei er auch auf die Mißwirtschaft, Finanzprobleme, Vernachlässigung der ländlichen Gebiete und vieles andere hinweist. Man muß sich erinnern, daß hujjat Allah, „Der Beweis Gottes“, auch ein Titel für den Mahdi ist, und Shah Waliullah zögerte nicht, sich selbst ebenfalls einen mit dem Mahdi verbundenen Titel, qā‘im az-zamān, zuzulegen. Und er behauptete, Gott habe ihn zu Seinem „Stellvertreter im Tadeln“ gemacht; das bedeutet, er muß die Muslime für all ihre Sünden und Fehler tadeln — was er mit großer Eloquenz tat! Die Philosophen, „die 2000 Jahre alte Knochen lecken“, werden im gleichen Stil angegriffen, wie es die mittelalterlichen Sufis getan hatten; die Soldaten werden für ihre Unmoral getadelt, die Feudalherren für ihre Gleichgültigkeit gegenüber allen Mißständen, aber auch die Sufis entgehen seinem Tadel nicht: Genau wie Mir Dard schilt er die „wunderverkaufenden Sufis“ und spricht energisch gegen die Besuche von Heiligengräbern, vor allem des Mausoleums von Salar Mas’ud — das sei nichts als Götzendienst, und würde er nur eine passende Stelle im Koran finden, so würde er all dies verbieten. Daß die Delhier Mystiker nicht „Sufi“ genannt sein wollten, ist wichtig — der Unterschied zu den volkstümlichen und durchaus nicht immer hochgeistigen Derwischen sollte betont werden.

Manche Bemerkungen Shah Waliullahs nehmen schon eine rationalistische Betrachtung z.B. von Wundern voraus; doch wenn er Zweifel an der traditionellen Auslegung der Mondspaltung (Sure 54,1) gehabt haben sollte, folgt er in seinen schwungvollen arabischen Hymnen zu Ehren des Propheten ganz den überkommenen Mustern.
S. 161f.
 

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