19.1.07

Al-Qasīda al-Gawthiyya von al-Jīlani

Die Liebe gab mir die Becher der Vereinigung (wisāl) zu trinken,
Da sagte ich zu meinem Tranke: Komm her zu mir!
Er lief und rannte auf mich zu in Bechern,
Da irrte ich umher in meiner Trunkenheit unter den awliyā’
Und sagte zu den übrigen Polen: ‚Kehret ein
In mein Gasthaus und tretet ein, denn ihr seid meine Leute [Familie].
Seid liebestoll und trinket, denn ihr seid mein Heer.’
Darauf tränkte die Leute reichlich mein Überdruß [i. e. mein Überfluß].
Ihr tranket, was ich übrig gelassen hatte, nachdem ich trunken geworden war,
Aber ihr erreichtet nicht meine Höhe und meine Vereinigung (ittisāl)
Euer aller ‚Station’ ist hoch, aber
Meine ‚Station’ ist über euch und bleibt dauernd hoch.
Ich allein bin in der Gegenwart der Naheführung,
Die Richtung gibt mir — Heil mir! — der Herr der Majestät.
Ich bin der Falke, der einen jeden Shaykh [vor Neid] ergrauen lässt.
Und wer ist unter den Männern, der so viel empfangen hätte wie ich!
Ich lernte das Wissen, bis ich ein Pol wurde
Und dann vom Herrn der Herren das Glück erhielt.
Er legte mir ein Ehrengewand an mit der Stickerei der Ehre
Und er krönte mich mit den Kronen der Vollkommenheit.
Er führte mich ein in ein präexistentes (qadīm) Geheimnis,
Er verlieh mir Würde und gab mir (Erfüllung) meiner Bitte.
Die Trommeln in Himmel und Erde wurden geschlagen
Und der Stadtwächter der Glückseligkeit erschien mir.
Ich bin der Nachkomme Hasans und die Kammer (mihda’) ist mein Ort (maqām)
Und meine Füße stehen auf den Nacken der awliyā’.
Er stellte mich als Statthalter über die Pole insgesamt,
Darum setzt sich meine Entscheidung durch unter allen Umständen.
Ich blickte auf die Lande Gottes insgesamt
Wie auf ein Senfkorn, gemäß meiner Vereinigung.
Wenn ich mein Geheimnis auf ein Feuer werfen würde,
Dann würde es zu lodern aufhören und erlöschen vor dem Geheimnis meines Zustandes.
Und wenn ich mein Geheimnis auf einen Toten werfen würde,
Dann würde er auferstehen durch die Macht des Herrn und zu mir kommen.
Und wenn ich mein Geheimnis auf die Berge werfen würde,
Dann wurden sie zermalmt werden und verschwinden unter dem Sand.
Und wenn ich mein Geheimnis in die Meere werfen wurde,
Dann würden sie alle untergehen und aufhören.
Es gibt keine Monate und Zeiten, die vorbeigingen oder endeten, bevor sie zu mir gekommen sind.
Und sie berichten mir, was kommt und geht,
Und belehren mich — laß also ab von Streit mit mir,
Die Länder Gottes stehen als mein Besitz unter meinem Befehl
Und meine Zeit (waqt) war schon vor meiner Umkehr lauter (?).
O mein Novize (mūrid), fürchte nicht einen Angeber, denn
Ich bin fest entschlossen und totbringend im Kampfe,
O mein Novize, fürchte dich nicht, denn Allah, mein Herr
Hat mir einen hohen Rang gegeben und so erlangte ich die Höhe.
O mein Novize, sei liebeswirr, sei guten Mutes, ströme über und singe
Und dann tu was du willst, denn der Name ist hoch
Vor einem jeden habe ich den Vorrang (qadam), ich aber
folge auf dem Fuße dem Propheten, dem Monde der Vollkommenheit.
Ich bin al-Ğili, ‚Wiederbeleber der Religion’ ist mein Name,
Und meine Banner (wehen) auf dem Gipfel der Berge.
Und ‘Abd al-Qādir, der berühmte, ist mein Name
Und mein Ahn (‘Ali) ist der Herr des Wesens (‘ain), der Vollkommene. [1]

Gedichte: Ihre Echtheit ist angezweifelt worden und kann hier weder bewiesen noch bestritten werden. Die Tatsache, daß ihm aus dem Kreise seiner zahlreichen Anhänger Gedichte zugeschrieben werden, läßt mindestens den Zweifel bestehen. Auffallend im Vergleich zu den echten Schriften ist die überaus anmaßende Sprache, mit der Ğilānī hier von sich spricht und die wir in dem Maße nur in den offensichtlich legendären Aussprüchen finden. Dennoch wird man auch dieses Charakteristicum allein nicht als Beweis für die Unechtheit der Verse in Anspruch nehmen können. Von der eigenen geistigen Bevorzugung zu sprechen, gehört zu den Stilelementen der orientalischen Dichtung und wird in bescheidenerem Tenor auch in den authentischen Prosaschriften Ğilānīs gefunden „Oh Eremiten und Klausner“, sagt er einmal, „kommt und kostet meine Rede, und wäre es auch nur ein Buchstabe, seid meine Gefährten für einen Tag oder eine Woche, vielleicht lernt ihr etwas, was euch Nutzen bringt.“ In gekünsteltem Wortspiel mit seinem Namen sagt er ein andermal: „Oh Gottesleute (qaum), stimmt überein mit dem Geschick (qadar) und nehmt (es) euch an von ‘Abd al-Qādir, der da eifert in der Übereinstimmung mit dem Geschick (qadar). Mein Übereinstimmen mit dem Geschick (qadar) führt mich zum Mächtigen (qādir).“ [2]

Aussprüche eines stark betonten Selbstbewußtseins finden wir neben einer Reihe von extatischen Aussprüchen (šath) vor allem in den Gedichten. Das gemeinhin al-qasīda al-gauthijja, bei anderen al-qasīda al-khamrijja genannte berühmte Gedicht, durch dessen mehrmaliges Lesen man sich nach Ansicht des Frommen Gottes und der Menschen Zuneigung erwirbt, sein Gedächtnis stärkt, sein arabisches Stilgefühl bessert und die Begegnung mit dem Verfasser im Traume erreicht, und das als Probe der unter seinem Namen laufenden Gedichte hier angeführt sei, ist von Zeile zu Zeile nichts als die Anhäufung von maßlosen Selbstüberhebungen, die zu seinen sicher authentischen Werken schlecht passen. [3]


Aus: Die Futuh al Gaib des ‘Abd al-Qādir, Walter Braune. In: Studien zur Geschichte und Kultur des islamischen Orients – Zwanglose Beihefte zu der Zeitschrift „Der Islam“ (achtes Heft), C. H. Becker/R. Strothmann (Hrsg.), Walter de Gruyter & Co, 1933. Diese Arbeit ist als Dissertation im Wintersemester 1927/28 der Phil. Fakultät der Albertus-Universität in Königsberg in Preußen vorgelegt worden.

[1] S. 22ff. mit geringfügigen Modifikationen durch mich in der Schreibweise und im Ausdruck.
[2] S. 9
[3] S. 22
 

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