26.10.07

Ein Jahr Diwan

Ein Jahr Diwan

Rekapitulation und Interpretationsskizze


Mein Diwan wird nun bald ein Jahr alt, denn am 17.11.2007 erschien „Weisheiten des Ghetto Scheich Teil 1“. Dieser anstehende Jahrestag soll nun Anlass sein, das bisher Erreichte zu rekapitulieren und eine Interpretationsskizze vorzunehmen, um dadurch den Diwan in Zukunft – so Gott will – bewusst, strukturiert und so innovativ wie ehedem fortzusetzen.


Rekapitulation

Es begann mit der Trilogie „Weisheiten des Ghetto Scheich“, welche retrospektiv sicher nicht das Niveau meiner letzten Gedichte aufwies, jedoch schon über geniale Momente von zeitloser Eleganz verfügte, vor allem aber wurde mit dieser Trilogie eine thematische Richtung eingeschlagen, welche zu dem „lyrischen Scheichtum“ führte, dessen Mannigfaltigkeit, landschaftliche Schönheit und grenzenlose Weite nunmehr ein Jahr später kaum noch zu erfassen sind. Gleichwohl ist der Trilogie die thematische Besonderheit zu Eigen, dass ich mich in ihr kritisch mit muslimischen Interna auseinandersetzte, als Beispiel mag hier genügen: „Salafis machen ‚istawa auf dem Thron’ zum Dogma wie Christen Gottes Sohn“. Diese Innenansicht wurde in der Folge immer weiter zugunsten einer synkretistischen Perspektive aufgegeben und ist nur in den Gedichten bis inklusive „99 Namen“ in dieser offensichtlichen anfänglichen Form ein Merkmal des Diwans. Das Niveau der Trilogie wurde in den beiden darauf folgenden Gedichten „Nachschrift zu Austerlitz“ und „Ghetto-Lesart des Qur’an“ beibehalten: geniale Momente, hell strahlende Gedankenblitze, jedoch ohne in eine geschliffene Gesamtheit integriert zu sein, dasselbe hat auch für das spätere Gedicht „99 Namen“ zu gelten. Über das Anliegen der Rekapitulation hinausgehend, sei hier angemerkt, dass diese ersten Gedichte, daher immer wieder im Diwan zitiert wurden, damit ihre herausragenden Momente als Zitate in einen ihnen würdigen poetisch anspruchsvollen Gesamtkontext gesetzt werden können. Auch in Zukunft soll dies so geschehen!

Der erste Höhepunkt des Diwans ereignete sich sodann mit „Malik ash-Shu’araa“; erstmalig gab es eine thematische Einheit, die das Gedicht ausgehend vom begnadeten Beginn – „Es erscheint als Blasphemie, ist aber in der Essenz sahih; eine Reminiszenz an Ibn Arabi; das Terrain des Sufi: die Grenzen des Din; laa ilaaha illa ant wa ana ’abduk;zum Nobelpreis ernannt wie Orhan Pamuk…“ – bis zum Schluss zusammenhielt.

Das erste Gedicht in 2007 – „Tā wa Sīn“ – war dann der Auftakt zu einer grundlegenden nachhaltigen qualitativen Steigerung im Diwan: Die Verse wurden kompakter, der Reimstil nun durchgehend flüssig, zugleich erfuhren die philosophischen und metaphysischen Aussagen im Gedicht eine signifikante Vertiefung, zudem wurden die verschiedenen Themenstränge innerhalb des Gedichtes auf einer thematischen Meta-Ebene integriert, was – alles zusammengenommen – eine atmosphärische Verdichtung und Intensivierung der Dichtung bewirkte. Die beschriebenen neuen qualitativen Merkmale in „Tā wa Sīn“ bildeten von da ab dann Konstanten in meinem Werk. So ist es nicht verwunderlich, dass noch im selben Monat – Ende Januar 2007 – unter dem Titel „Sieben“ ein weiterer Höhepunkt des Diwans erschien – weit mehr als nur ein lokales Maxima wenn man sich den Schluss des Gedichtes vergegenwärtigt: „Dem, der die Welt erschuf, gilt der mystische Schwur: Metaphern in sieben Ahruf; sieben Arten im Futur, sieben Chiffren des Nur, sieben Witwen im Verlust, sieben Schuss zum Salut, sieben Tauben zum Friedensgruß, Siebentausend im Trauerzug, erstatten meinem Grab Besuch; Tod in der Lava des Vesuvs; schreibe das Gedankengut ohne Tinte, sondern mit Blut; Klassiker wie Wolfsblut, im Kanon der Literatur erscheint mein Buch als ein dunkler Fluch!“

Einige Tage später verfasste ich dann unter dem Titel „Die Philosophie des Ghetto Scheich“ erste Anmerkungen zum Diwan, welche weiter unten in der Interpretationsskizze wieder aufgegriffen werden. Auf demselben Niveau wie „Sieben“, jedoch ohne dass dieses Gedicht einen eigenständigen Klimax im Diwan bilden würde, erschien daraufhin „El Niño“: Das erste Gedicht im Diwan, welches ich mit erläuternden Fußnoten versah und in dem ich – technisch noch nicht sehr ausgereift – ein externes Zitat integrierte, konstantes Stilmittel in späteren Gedichten: „Wer beschreibt Holismus besser als ich, alias der deutsche Canibus; als ein Zitat von ihm: ‚Lyrische Wellentheorie nach Timothy Leary’…“. Die Fußnoten zu meinen Gedichten sind ein eigenes Thema: Anfangs war ich mir nicht sicher, das richtige zu tun, mittlerweile bin ich aber sehr komfortabel mit den Fußnoten, in dem ich sie nur noch (oder fast nur) mit erklärendem informierendem Inhalt versehe, nicht aber interpretierendem, wie dies zu Beginn geschah. In „El Niño“: „Die Straßen sprechen, als Zeichen des Tages, verraten die Namen von den Muslimen, die Islam verraten“. Die dazugehörige Fußnote: „Eine Anspielung auf die Vorzeichen den letzten Tages! Es ist überliefert, dass unbelebte Materie, bspw. Steine, anfangen werden zu sprechen. Hier wird dieser Gedanke aufgegriffen in der Vorstellung, dass die asphaltierten Straßen beginnen werden zu sprechen und Namen von Muslimen preisgeben, die Islam verraten.“ Die Interpretation des Diwans wird in Zukunft von mir in gesonderten Abhandlungen vorzunehmen sein und notwendige Erklärungen zu den Gedichten (zumeist lexikalische Ausführungen aus Wikipedia) werden in den Fußnoten gebracht, so vermeidet man, dass ein elegantes Gedicht zu einem Kompendium metaphysischer Gelehrsamkeit mutiert.

Das nächste Gedicht war dann „Der Zentralrat der Ex-Muslime“, welches in der ersten Fassung bei muslimischen, nichtmuslimischen und insbesondere islamfeindlichen Rezipienten auf Empörung stieß. Gleichwohl jene Empörung ungerechtfertigt und nur dem jeweiligen beschränkten Horizont geschuldet war, entschied ich mich dazu, das Gedicht insgesamt zweimal zu modifizieren, denn wie ich in der entsprechenden (noch interpretativen) Fußnote zum modifizierten Schluss ausführte: „Der synkretistische und inklusive Charakter des Diwans erfordert, dass diese Antwort als Vervollständigung der Gedankenschleife dem Leser zugeführt wird, da dieser Autor die Feststellung machen durfte, dass die empathischen Fähigkeiten und das Abstraktionsvermögen des muslimischen sowie nicht-muslimischen Lesers nicht ausreichend für einen auch nur ansatzweisen Nachvollzug kultiviert sind. Dieserart würde der Leser gewissermaßen ‚außen vor’ bleiben, obwohl es ja erklärtes Programm des Diwans ist den Leser ‚mitzunehmen’.“

Danach erschienen die Gedichte „Private Equity“, „Verfassungspatriotismus“ und „Giftgas im Rif“, welche alle konsequent das hohe Niveau, welches vormals mit dem Gedicht „Sieben“ erreicht wurde, nicht nur halten konnten, sondern innerhalb jenem Zeugnisse weiterer Verfeinerung meiner Dichtkunst waren, wobei das schwächste Gedicht in dieser Gruppe womöglich das letzte war. Wie dem auch sei, kurze Beispiele aus den Gedichten in oben genannter Reihenfolge seien hier zur Illustration eingefügt: „Die Verse sind ein unsichtbares Reich, das sich langsam die Welt einverleibt, genau das Gegenteil zur Welt ‚Second Life’, sie akquirieren ‚Emirates’; die ‚Private Equity’ des Ghetto Scheich effektiver als ‚Carlyle’ von David Rubenstein…“; „Ein Gedicht besser als Schillers ‚Glocke’ zerfetzt dich wie eine Bulldogge…“; „Diese Verse zieren jede Gebetsnische geheimer Moscheen in bisher unbekannten Höhlen-Systemen unterirdischer Seen; Stalagmiten als Stelen mit Ornamenten versehen auf manchen ist sogar die Shahada zu lesen – welche Menschen sind das gewesen?“ Das Gedicht „Giftgas im Rif“ war das erste, welchem ich ein oder mehrere Zitate voranstellte: Ein Zitat von Grimmelshausen aus Simplicissimus und ein weiteres von David Remnick aus seiner Muhammad Ali Biographie. Zugleich wurde darin das lyrische Ich „Frank Mullah“ als Personifikation des synkretistischen Charakters des Diwans eingeführt.

Das Gedicht „Die Phänomenologie des Scheichs“, eine Anspielung auf die „Phänomenologie des Geistes“ von Hegel, bildete alsdann einen weiteren herausragenden Moment und abermals eine qualitative Steigerung in der Entwicklung des Diwans. Eine neue Hochebene im poetischen Gebirge konnte erreicht und erste lyrische Erkundungstouren darin unternommen werden! Dieses Gedicht in drei Strophen war länger als alle vorherigen und alle Gedichte danach waren immer mindestens so lang wie jenes, so dass „Die Phänomenologie des Scheichs“ alleine unter diesem quantitativen Gesichtspunkt eindeutig den Beginn einer erneuten Verbesserung markiert. Die atmosphärische Intensität und der kontroverse Charakter des Diwans konnten nachhaltig gesteigert werden, wobei es wichtig ist anzumerken, dass keine neuen Stilmittel und Themenschwerpunkte hinzugekommen waren, sondern die atmosphärische Verdichtung alleine durch den verbesserten Einsatz bereits bestehender Stilmittel erreicht wurde. Der personifizierte Synkretismus „Frank Mullah“ wird ebenfalls als neues lyrisches Ich in diesem Gedicht weiter etabliert. Zur Illustration soll hier aus jeder Strophe ein Beispiel gegeben werden: „Dass Islam Frieden heißt, wird von mir gezeigt, wenn sich aus Dankbarkeit ein Rabbi vor mir verneigt; ein Befehl von mir reicht und die Geiseln sind frei; meinen Kritikern mutiert das Gehirn als Strafe zu Brei, so wie das von Ariel Sharon; bleiben sie am Leben aber haben nichts davon!“; „Wenn Abu Zeyneb mit Frank Mullah spricht, sind große Scheichs endlich mal unter sich…“; „Im Schatten der Terror-Bibel reden moderate Muslime von Liebe und Frieden; Sprayer in Berlin bomben SS-Runen in der Dunkelheit an den Bundestag, denn sie nennen mich den Super Scheich…; …Worte von Frank Mullah knocken sie aus wie Juden die Shoa, so zeitlos und stilvoll wie bei Frauen die Stola, gleichzeitig so aktuell wie Design von Motorola…“. Interessant ist auch die dazugehörige Fußnote, welche meine Umsichtigkeit dokumentiert: „Man lese diese Zeilen als einen muslimischen Beitrag zu einer aktiven Erinnerungskultur an den Holocaust. Einer banalen Betrachtung wird dies sicherlich als vollkommene unakzeptable Anspielung erscheinen, dem ist aber sehr einfach zu begegnen, dass dieser bewussten Übertretung der Symbolik die Einsicht zugrunde liegt, dass konventionelle – im Rahmen gehaltene – Thematisierung des Holocaust, gleichzeitig immer auch zu dessen Trivialisierung beiträgt. Hier verbirgt sich stattdessen in der zunächst so scheinenden Trivialisierung unterhalb der Oberfläche der metaphorischen Wendung ein ernsthafter Beitrag zur Erinnerungskultur.“

Auf dem Niveau, welches mit „Die Phänomenologie des Scheichs“ das erste Mal erreicht wurde, ereigneten sich auch die folgenden drei Gedichte: „Mafia-Islam“, „Es verstummen die jiddischen Lieder“ und „Die Fortsetzung der Genealogie der Vernunft“. Erst bei ihnen wurde deutlich, wie hoch das Niveau eigentlich war und welche Möglichkeiten es bot, so dass „Die Phänomenologie des Scheichs“ gegen sie nur wie erste Schritte auf jenem poetischen Hochplateau anmutete. Jedes dieser Gedichte soll nun kurz einzeln gewürdigt werden: Das Gedicht „Mafia-Islam“ bietet in seiner beeindruckenden Länge so viele geniale Momente, dass man ihm eigentlich nicht gerecht wird, so man nur einen oder zwei dieser Momente hier wiedergibt (dies gilt nachfolgend für alle noch zu besprechenden Gedichte): „Die Gegenwart ist genau der Punkt im Lauf der Zeit, an dem sich das Sein mit sozialer Wirklichkeit in der Sprache vereint; …vergangene Einheit wurde abgebildet im geographischen Tawhid vom Urkontinent Pangea, Unio Mystica der Erde; Islam und Mafia – fast dasselbe: es geht um Schutzgeld, Blutrache und obskure Vorstellungen von Ehre…“ In „Mafia-Islam“ wurde zudem das erste Mal die Metapher „vom Voodoo zum Wuduu’“ verwendet, welche ich von da an einige Male im Diwan eingesetzt habe. Das nächste Gedicht – „Es verstummen die jiddischen Lieder“ – bietet auch im Vergleich zu „Mafia-Islam“ noch qualitative Steigerungen, ist der Reimstil doch insgesamt feiner, geschliffener und es ist raffiniert die wörtliche Rede eines Rabbiners, der Wahlspruch auf dem Wappen von Juan del Cano – „Primus circum dedisti me“, ein Zitat von Karl Marx, die deutsche Nationalhymne – „Einigkeit, Recht und Freiheit“ – und Schillers „Wanderer kommst du nach Sparta“ in das Gedicht eingeflochten, aus dem nun lediglich ein Beispiel wiedergegeben sei: „Ich spiele mit Worten wie auf einem Piano; in Anlehnung an den Seefahrer Juan del Cano habe ich den Wahlspruch „Primus circum dedisti me - du bist der Erste, der mich umrundet hat“; er bezog das auf die Erde, aber ich beziehe das auf meine Verse, denn sie umkreisen diese wie auf einer Galeere vom Mahlstrom bis zum Golf von Aden…“ Das letzte Gedicht auf diesem Niveau, bevor es im Diwan zu einer weiteren qualitativen wie quantitativen Steigerung kam, war „Die Fortsetzung der Genealogie der Vernunft“. Gleich seinem Vorgänger weist es eine Reihe von unerwarteten Zitaten auf (J.P. Lovecraft, Martin Walser, wieder: Karl Marx und die Böhsen Onkelz), aber aus dem Diwan sticht es insbesondere durch seinen beeindruckenden Anfang hervor, welcher insgesamt zu lang ist, als dass man ihn hier wiedergeben könnte, weshalb er kurz zusammen gefasst wird: Stilistisch eingebettet in einen Countdown von Eins bis Zehn, wird die Geschichte eines Dichters geschildert, von seinem ersten Auftritt, nach welchem das Publikum das ganze Literaturhaus abbrennt, zum späteren Ruhm und schließlich seines gewaltsamen Todes durch ein Attentat beim zehnten und letzten Auftritt. Als Beispiel aus diesem Gedicht sei eine andere kompaktere Stelle zitiert, nämlich die Titelgebende: „Es scheint so, als schließe sich eine Kluft in der Fortsetzung der Genealogie der Vernunft; wie ein riesiger Slum entfaltet sich das Symbolische Universum: von Al-Majnun zu David Hume, Golf von Aden bis zum Mahlstrom, von Cro-Magnon zur Chrom Magnum…“.

Aber das alles sollte noch übertroffen werden durch die nun folgenden Gedichte! Eine erneute Steigerung meiner Dichtung ereignete sich mit „Dieser Diwan“, ein Gedicht, welches bislang den absoluten Höhepunkt meines Diwans bildet und es bleibt abzuwarten, ob, wie und wann ich mich hinsichtlich dieses Gedichtes selber übertreffen kann. „Dieses Gedicht des Diwans besteht aus sieben Strophen, aber die sind so ineinander verwoben, zusammen ergeben sie ein großes; ich schildere darin verschiedene Versionen meines eigenen Todes…“ So lautet der Beginn des Gedichtes, in dem ich insgesamt vier Mal meinen gewaltsamen Tod beschreibe. Es besteht aus einer einleitenden Strophe und dann im Wechsel aus drei „Refrains“ und drei Strophen, die jeweils einen eigenen Handlungsstrang haben und es ist gut zwei bis drei Mal so lang wie die vorherigen Gedichte. „Refrains“ deshalb in Anführungsstrichen, da sich die drei begrifflich darunter zusammengefassten Strophen nur im Aufbau gleichen, sich inhaltlich aber niemals wiederholen: „Dieser Diwan ist Glaube und Vernunft; Dieser Diwan ist entartete Kunst; Dieser Diwan ist wie eine Bücherverbrennung; Dieser Diwan ist wie ein Fackelmarsch von Neonazis; Dieser Diwan ist ein Bekenntnis zu der Shahada; Dieser Diwan ist wie die DNA-Doppelhelix, weil er so komplex und gewunden ist…“ In den drei Handlungsstrophen sterbe ich jeweils am Ende (oder nahe dem Ende) der Strophe, das ergibt drei Todesarten und die vierte befindet sich bereits in der einleitenden Strophe, unterscheidet sich aber von den anderen, da diese nicht aus einen längeren Handlungsstrang resultiert: „Ich habe den Federkiel in Blut getaucht, weil die Schrift es zum Leben braucht; der Dichter blutet langsam aus und das Gedicht lebt weiter in der Silhouette einer Frau…“. Zu der poetischen Bewandtnis, den eigenen Tod zu beschreiben, siehe weiter unten in der Interpretationsskizze, da dieses Stilmittel ein Kontinuum im gesamten Diwan ist.

Auf dem gleichen außergewöhnlichen Niveau ereignete sich auch das nächste Gedicht: „Live aus Hamburg“. Es hat genauso Überlänge, gleichwohl ist es deutlich kürzer als „Dieser Diwan“, denn es sind diesmal nur drei Strophen plus einen gleich bleibenden – mithin normalen – Refrain. In diesem Gedicht vermochte ich es dem synkretistischen Charakter meines Diwans eine neue Qualität verleihen, indem ich bspw. Sagen aus dem Artus-Komplex einfließen ließ: „Aus den Nebeln von Avalon erhebt sich eine furchterregende Kreatur, die eine Synthese bildet aus Al-Khidr und Gromer Somer Jour, als Herold einer neuen Kultur wurde sie gerufen durch den gemeinsamen Schwur von drei Atheisten drei Juden, drei Christen und drei Muslimen … seine Erscheinung bleibt den Menschen unklar: Atheisten deuten sie rational, Juden und Christen sehen den Leviathan und Muslime den Dajjal…“. Ob der Exzellenz gibt es mehrere Stellen im Gedicht, welche es wert wären hier zu zitiert zu werden, ich begnüge mich jedoch hier mit lediglich einer aus der ersten Strophe: „…diese Verse zieren als Ornamente meine Gruft; ihre tiefere Bedeutung liegt in der Zahlensymbolik: Aus ihnen ergibt sich der Azimut der Sternbilder mit dem Horizont ausgehend vom Standort meines Grabes und thematisch drehen sie sich im Universum um ein noch nicht lokalisiertes Zentrum und beweisen so die Existenz von bislang unbekannten Galaxien; meine Dichtung ist wie…“.

Beim darauf folgenden Gedicht wählte ich wieder den normalen Aufbau: Eine einzige lange Strophe, in der viele verschiedene Themen sich – idealerweise und das ist hier definitiv der Fall – auf einer Meta-Bedeutungsebene zusammenweben und so zu vielen Facetten eines einzigen Leitgedankens werden. Bezüglich des Aufbaus handelte es sich nicht um einen Rückschritt auf ein niedrigeres Niveau, sondern um eine quantitative Selbstbeschränkung, welche es mir ermöglichte die Qualität meiner Dichtung zu einem neuen Höhepunkt zu führen, weshalb es nur folgerichtig war, dass ich zu Beginn des Gedichtes sagte: „Wie Heinrich von Veldeke steigern sich meine Werke: in der Serviatus-Legende sechstausend Verse, im Eneasroman dreizehntausendfünfhundert…“, nur bezog sich die Aussage nicht ihrer äußeren Bedeutung nach auf eine quantitative Erweiterung, sondern – wie bereits verlautbart – auf eine erneute qualitative Steigerung, welche nachvollziehbar wird, so man den Schluss des Gedichtes betrachtet: „…getestet im Bombodrom; gespalten wie ein Atom; jedes Wort hat einen Klon in einer anderen Dimension, aber alle vereinigen sich in einer einzigen Vision: Der Schatten Gottes lag auf der Lyrik des Ostens, schwer getroffen von der Kritik der Philosophen, sank sie zu Boden, um sich von neuem zu erheben; nachmetaphysisches Denken und islamisches Erbe; Der Mond umkreist die Erde, seine Bahn ist vorgeben, unser Schicksal eben dem, von Gott oder den Genen, je nachdem, wie wir es sehen!

Nun gilt es das bislang letzte Gedicht des Diwans zu resümieren: Mit „Das Palimpsest“ konnte ich abermals meine Dichtkunst verfeinern, ohne jedoch so große Fortschritte erzielt zu haben, dass ich sage würde ein neues Niveau jener Kunst erreicht zu haben, was allerdings die Großartigkeit dieses Gedichtes in keiner Weise schmälert, ist es doch ein Beweis meiner Souveränität auch diesmal wieder meinen eigenen Vorgaben gerecht geworden zu sein und sogar um Nuancen zu übertroffen zu haben! Gelang es mir doch den synkretistischen Charakter des Diwans noch deutlicher zu profilieren, wofür folgendes Zitat Zeugnis sein soll: „…in einem Amphitheater leite ich die Jama’ah im Gebet; ein Totempfahl dient als Sutra; der umgekehrte Stein mit dem Kopf der Medusa aus dem Yerebatan Saray bildet die Mimbar bei der Khutba…“. Gleich dem arbeitete ich auch das Profil des Ghetto Scheichs mit folgender Passage schärfer heraus: „…verurteilt zum Tod ohne Beweis, vegetierte der Ghetto Scheich im einem Todestrakt, jenseits der Dimensionen von Raum und Zeit, durch ein Wurmloch im All gelang ihm die Flucht, so schloss sich der Kreis: Metaphysik der Vergangenheit und moderne Philosophie wurden vereint…“ Wichtig ist auch das ich in diesem Gedicht zum ersten Mal die „Ghetto-Tariqa“ erwähnte: Der Sufi-Orden des Ghetto Scheichs!

Die Rekapitulation soll nun mit einem allgemeinen Resümee abgeschlossen werden: Mein Diwan hat sich in seinem ersten Jahr kontinuierlich verbessert, wobei verschiedene Entwicklungsniveaus auszumachen sind. Die qualitative Steigerung der Dichtung beruhte immer auf dem vorher Erreichten; es kam niemals zu stilistischen und/oder thematischen Richtungswechseln. Die Erhöhung der Qualität ergab sich stets aus dem technisch souveräneren Umgang mit den vorhandenen Stilmitteln und Themen, die meinen Diwan von Anfang an bestimmten. Dies beweist die Gründlichkeit der gedanklichen Vorarbeit und Planung zu meinem Diwan – mithin meine Denkschärfe – als auch die Ausgereiftheit der eingesetzten Stilmitteln und Themen, da diese niemals durch andere ersetzt werden mussten, um die poetische Qualität des Diwans zu verbessern. Nachfolgend gilt es nun diese Stilmittel, Themen und charakteristischen Merkmale darzustellen, um so die Qualität, den innovativen Impuls und die Einzigartigkeit meines Diwans zu beglaubigen.


Interpretationsskizze

Vorab: Die anstehenden Ausführungen bleiben trotz ihrer Ausführlichkeit eine Skizze, weil der Diwan ohne Anspruch auf Systematik und Vollständigkeit interpretiert wird. Daher also Interpretationsskizze, welche so aufgebaut ist, dass die grundlegenden Bausteine, Merkmale und Stilmittel des Diwans diskutiert und Details nur vereinzelt hervorgehoben werden. Diese Interpretationsskizze greift auch auf meinen vormaligen Interpretationsversuch „Die Philosophie des Ghetto Scheich“ zurück, nachfolgend als DPDGS zitiert.

Die beiden elementaren Grundkomponenten, welche meinen Diwan konstituieren, sind „der Islam, seine Theologie, Geschichte und heutige (problematische) Kontur, wobei ich keine Apologetik und Romantik thematisiere, sondern bemüht bin eine intelligente Kontroverse zu erzeugen […] [und] Hip Hop/Rap, welches mir ermöglicht die [unterschiedlichen] Themenkomplexe mit einer gewissen Leichtigkeit zu thematisieren, damit der Diwan einen Entertainment Charakter erhält (DPDGS).“

Zur Grundkomponente Islam ist zu sagen, dass ich diese nur in begrenzter Form direkt und ungefiltert in den Diwan einfließen lasse, nur in den ersten Gedichten bis „99 Namen“ geschah es so, was ich aber dann aus poetischen Gründen eingeschränkt habe. Danach habe ich die Thematisierung von islamrelevanten Inhalten so gestaltet, dass in jedem Gedicht islamrelevante Themen nur einige wenige Male offensichtlich für einen jeweils kurzen Moment aufblitzen. Aber indirekt und dezent in Zusammenhang mit anderen Themen – also in der Synthese – werden islamrelevante Themen so in die Gedichte integriert, dass sie, wie schon ausgeführt, eine konstituierende Grundkomponente des Diwans und jedes Gedichtes einzeln genommen bilden. Beispielweise wird in dem Gedicht „Es verstummen die jiddischen Lieder“ islamrelevante Thematik direkt nur an drei Stellen jeweils nur für einen kurzen Moment sichtbar: „Einigkeit, Recht und Freiheit wird interpretiert als Tawhid, Sharia und Ubudiyya“; „Mit Begriffen wie Crack und Kokain beschreibe ich die Grenzen vom Din“ und „So weit weg von dir wie Haqq von Batil; studiere ich ’Ilm al Batin; alles verschwimmt zu einem von dem ich ein Teil bin und Allah alles ist!“ In der Synthese jedoch – im Zusammenhang mit anderen Themen – sind islamrelevante Themen beinahe durchgehend im Gedicht präsent. Dies hat folgende Bewandtnis: Würde ich islamischen Themen mehr Platz in den Gedichten gewähren, würde ich mein breit gefächertes und tiefgehendes islamisches Wissen in vollem Ausmaße, wie schon gesagt, direkt in den Diwan einfließen lassen, dann würde dieser ebenso nur, in den islamischen Wissengebieten der Theologie, Kultur und Geschichte gebildeten, Menschen zugänglich sein, aber der Diwan soll jedwedem nicht nur zugänglich sein, sondern aus seiner individuellen Perspektive als intelligente Synthese erscheinen und ggf. sogar individuellen Erkenntnisfortschritt erbringen.

Zur Grundkomponente Islam gehört auch der Sufismus, welcher natürlich einen großen Einfluss auf meine Dichtung hat. Auch hier weniger in einem direkten Sinne, sondern indirekt als Inspirationsquelle, so ich mich mit Werken von Sufi-Gelehrten und der Sufi-Dichtung auseinandersetze; Schwerpunkt liegt hier auf dem sunnitischen Sharia-Tasawwuf, bspw. von Ibn Arabi, Al-Jaylani und Al-Ghazali. Ich habe mich mit Sufi Dichtung eingehend beschäftigt und die wichtigste stilistische Erkenntnis, die ich daraus für meinen Diwan gezogen habe, ist dass im geschichtlichen Entwicklungsgang der islamischen Dichtung immer wieder neue Stile und Formen entwickelt, bestehende Stile und Formen modifiziert wurden und das deshalb das stilistische Anknüpfen und Fortführen der Sufi-Dichtung nicht vom Reimstil und der Form abhängig ist, sondern in wie weit die Ideen und Intentionen jener Dichtung in neuer Gestalt zur Entfaltung gebracht werden. Diese Einsicht bildet die Überleitung zum nächsten Abschnitt.

Zur Grundkomponente Hip Hop/Rap ist zu sagen, dass diese für den Reimstil prägend ist – andere Reimschemata als im Rap üblich finden keine Verwendung. Entweder verwende ich über längere Passagen einen zumeist unreinen Monoreim, also aaaaaa… (wobei das ein reiner Monoreim ist, ein unreiner Monoreim wäre bspw. aaa´aa´a´´a…), der sich im Verlauf fließend verändert, also von aa zu a´a´ zu a´´a´´ hinüber zu bb, viel seltener das einfache aabbcc, zumeist wenn seltene komplizierte Worte sich aufeinander reimen, oder die Reimschemata abba und abab, meistens um Übergänge flüssig zu gestalten. Oft zögere ich das Reimwort hinaus, also aaabca, um einen noch stärkeren Klangeffekt zu erhalten und natürlich auch weil die grammatischen Strukturen oder der Inhalt es nicht anders zulassen. Als Beispiele für diese Reimschemata verweise ich auf die Gedichte „Das Palimpsest“ und „Inmitten der Wallstatt“, in welchen ich alle genannten gekonnt einsetze. In diesen Gedichten wird deutlich, dass ich am häufigsten den unreinen Monoreim, wie oben beschrieben, verwende, da sich so am besten eine gespannte Atmosphäre aufbauen und Intensität kumulieren lässt.

Aber auch inhaltlich ist die Grundkomponente Hip Hop/Rap ein wichtiges Gestaltungsmittel: So sind die extreme Überhöhung der eigenen Persönlichkeit und die vereinzelte Darstellung/Glorifizierung von Gewalt Konstanten meiner Dichtung. Ersteres hat als Grund, dass ich dieses Stilmittel einsetze, um die Distanz zwischen dem Geschehen in der Dichtung und dem Erleben des Rezipienten aufzuheben und letzteres verwende ich als Stilmittel, um zunächst einen gewissen Schock-Effekt in meine Dichtung zu integrieren und dann ist es vonnöten, um einer weltfremden Romantik, welche leider so oft in moderner islamischer Dichtung zu finden ist, vorzubeugen. In dieser Welt ist Gewalt eine konstante Erfahrung und so bildet Gewalt eine stilistische Konstante in meiner Dichtung, was sich auch mit dem Anspruch meiner Dichtung, „detranzendentalisierte Philosophie [mit] nicht mehr idealisierender Theologie“ zu verbinden, deckt. Selbstverständlich erfüllt sich aus der Grundkomponente Hip Hop/Rap auch der Anspruch eine zeitgemäße lebendige Dichtung verfassen (für diesen Anspruch vgl. DPDGS). Ferner integriere ich in den Diwan manchmal Zitate von US-amerikanischen Rappern, deren Stil ich persönlich schätze. Das bezieht sich fast ausschließlich auf folgende drei: Tragedy Khadafi, Killah Priest und Canibus. Die ersten beiden verbinden auf intelligente Weise Gangster-Rap mit mystischen und religiösen Motiven, ohne jedoch selber besonders intellektuell und gebildet zu sein, dies ist bei Canibus anders, dessen erweiterter geistiger Horizont seine Texte um Klassen besser macht als den Durchschnitt. Beispiele für diese integrierten Zitate sind der „Aura-Check“ von Tragedy Khadafi, „Meine Dichterkrone kreist unter den Menschen“ inspiriert vom „pass my motherf***ing crown around“ von Killah Priest und die Bezeichnung „Poet Laureatus“, der Poet Laureatus Serie von Canibus entlehnt, deren bislang letzter Teil „Poet Laureate Infinity“ mit seinen über tausend Versen m.E. das poetische Ereignis unserer Zeit ist – weit über die Grenzen der Raps hinaus. Abschließend gilt es noch festzuhalten, dass mein Diwan kein Rap ist, sondern Rap ein Bestandteil des Diwans!

Das nächste konstituierende Stilmittel meines Diwans ist Synkretismus. Sufi-Dichtung trug immer synkretistische Züge und so soll es auch bei der postmodernen Wiederaufnahme dieser Dichtung sein. Mein Vorbild in mehr als nur dieser Hinsicht ist Shaykh ul Akbar Ibn Arabi, dessen synkretistische und pantheistische Dichtung und Gesamtwerk keineswegs bedeutete, dass er ein Anhänger irgendeiner Form von Synkretismus oder Pantheismus war, sondern dass er vielmehr ein Anhänger des sunnitischen Islams, des Monotheismus und der Sharia war, nur fühlte er sich deshalb nicht der intellektuellen Reflexion und Meditation enthoben – Gott weiß es am besten! Weit entfernt und erhaben ist der Diwan über esoterische Egalität, deshalb verwende ich auch nur selten esoterisch belegte Begriffe und Themen. Im bislang letzten Gedicht „Das Palimpsest“ erwähnte ich bspw. Atlantis, aber auch nur weil vorher einmal die Dialoge von Plato genannt wurden, in denen ja Atlantis das erste Mal überhaupt auftauchte. Auch erwähnte in diesem Gedicht das Neuschwabenland der Nazis in der Antarktis, aber ich habe bspw. im gesamten Diwan noch kein einziges Mal die Pyramiden erwähnt. Der synkretistische Aspekt des Diwans versucht auch den atheistischen Impuls zu integrieren, indem Parabeln und Metaphern auch aus der rationalen und detranszendentalisierten Perspektive sinnstiftend wirken sollen. Ein passendes Zitat zur Illustration aus dem Diwan mag an dieser Stelle sein: „Die Sharia in Deutschland fängt mit Sigmund Freud an“, denn wie die dazugehörige Fußnote erläutert, verweist sie „auf die notwendige Reflexivität muslimischer Theologie hinsichtlich okzidentaler Geisteswissenschaften“. Oder aber: „Der Mond umkreist die Erde, seine Bahn ist vorgeben, unser Schicksal eben dem von Gott oder den Genen je nachdem wie wir es sehen!“ Hier wird deutlich, was ich oben sagte, dass die Parabeln, Vergleiche und Metaphern eben auch aus der atheistischen Perspektive poetische Einsichten erwirken sollen. Unter die Grundkomponente Synkretismus kann man auch die Zitate in meinem Diwan subsumieren, da Synkretismus ja ganz wesentlich aus Inklusion fremder Ideen besteht: „…Tod eines Kritikers’ von Martin Walser, als ein Zitat von ihm: ‚Ich bin an den Sonntag gebunden wie an eine Melodie, ich habe keine andere gefunden glaube nichts und knie’…“

Eine weitere Grundkomponente, zumindest ein wichtiges Gestaltungsmotiv, ergibt sich aus den Geisteswissenschaften Philosophie und Soziologie, mit denen ich mich intensiv auseinandersetze. Mit der Nennung dieser Grundkomponente erfüllt sich der Vers aus „Dieser Diwan“: „Dieser Diwan speist sich aus einer Vielzahl von Quellen: Rap, Philosophie und Islam, um nur einige zu nennen“. Ich bin stets bemüht, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse in dichterischer Form auszudrücken, auch indirekt indem ich sie in ein metaphysisches Bild setze. Beispiele sind hierfür etwa: „Die Gegenwart ist genau der Punkt im Lauf der Zeit an dem sich das Sein mit sozialer Wirklichkeit in der Sprache vereint“ und „Wenn einem, was man meisten liebt zum Hindernis wird, dann ist das wie das Zitat von Safranski, welches in abgewandelter Form in dieses Gedicht einfließt: ‚Der Satan manifestiert sich in der Freiheit nur wenn man die verbietet kann man ihn besiegen’.“ Das Zitat lautet eigentlich: „Das Böse ist der Preis menschlicher Freiheit. Man kann das Böse nur dann zum Verschwinden bringen, wenn man die Freiheit zum Verschwinden bringt (DER SPIEGEL Nr. 31/2007, S. 123). Bei dieser Grundkomponente ist natürlich klar, dass man diese, wie schon die islamische Theologie, nur dezent einsetzen kann, davon abgesehen, dass es sehr schwierig ist philosophisches oder gar soziologisches Wissen in Reime zu übertragen, so dass es gleichzeitig genug und sehr viel ist, wenn mir zuweilen ein solcher Diamant gelingt.

Ohne an eine bestimmte wissenschaftliche Disziplin gebunden zu sein, fließt viel historisches und allgemeines Wissen in den Diwan ein und bildet somit auch eine eigene Komponente von grundlegender Bedeutung für meine Dichtung. Oftmals sind das Sachen, auf die ich irgendwie stoße und denke, dass sie eine plakative metaphorische Wirkung entfalten können, oder einfach so kurios sind, dass ich sie unbedingt im Diwan haben möchte. Dazu warte ich solange ab, behalte die Sache im Kopf, bis sich irgendwann eine Möglichkeit auftut. „Ein weiteres Merkmal des Diwans ist die häufige Nennung von historischen oder zeitgenössischen Persönlichkeiten, aus den verschiedensten Bereichen. Dadurch soll gewährleistet werden, dass der Diwan nicht nur Entertainment ist, sondern Edutainment. Der Leser soll sich dadurch herausgefordert fühlen, zu fragen, wer diese Persönlichkeiten waren oder sind und welche Bedeutung sie haben. Ebenso dienen diese Namen als Metaphern und Symbole. Beispielsweise konstituiert „Aurangzeb“ über den poetischen Effekt bei „Aura Check, Abu Zeyneb, Aurangzeb“ hinaus einen idealen Fixpunkt, aufgrund seiner facettenreichen und umstrittenen historischen Persönlichkeit (DPDGS).“ Beispiel sei hier: „Im Jahr Zweitausend und Sieben befinde ich mich wie Hans Staden im sechzehnten Jahrhundert als Imam unter Kannibalen, meine Untergebenen haben sich mit großer Schuld beladen, doch ich habe nicht die Macht ihnen zu untersagen, ihre Feinde bis auf die Knochen abzunagen, ich muss also erreichen, dass sie sich selber hinterfragen…“. Kaum jemandem wird die historische Person Hans Staden bekannt sein, weshalb ich dazu auf den lexikalisch guten Eintrag bei Wikipedia verweise. Der Kannibalismus steht hier als Metapher für den modernen muslimischen Terrorismus. Ein anderes Beispiel, diesmal aus dem literarischen Bereich, macht deutlich, dass ich wirklich Raritäten im Diwan aufzuweisen habe: „…weil sie mich hassen, werden sie nicht schaffen, den Code zu knacken, denn an den glatten Felsen der Metaphern scheitern sie wie am Geheimnis der Hatifnatten.“ Die Hatifnatten sind den „Mumin“ (Kinder-) Büchern der finnischen Autorin Tove Jansson entnommen. Die Hatifnatten sind darin geheimnisvollen Wesen, die scheinbar ziel- und rastlos in Scharen durch die Welt ziehen, mit niemandem reden und durch Gewitter zu neuer Lebenskraft gelangen.

Bevor ich ein weiteres sehr wichtiges Stilmittel diskutiere, muss ich allgemein auf den Sprachstil des Diwans eingehen: Ich verfüge über einen relativ großen Wortschatz und, wenn ich es möchte, über einen abstrakten Ausdruck, kann meine Sprache künstlich verkomplizieren, lange Schachtelsätze bilden, usw. Im Diwan verwende ich jedoch eine einfache und klare Sprache, die nicht durch poetische Klischees, romantische Wendungen und sprachliche Weitschweifigkeit aufgebauscht wird. Dadurch soll erreicht werden, dass die poetische Intensität sich alleine aus den Reimen und den ungewöhnlichen Begriffs- und Motivkombinationen ergibt. Zudem soll die Sprache weitgehend frei von Umgangssprache und Anglizismen sein, nur manchmal und dann bewusst lasse ich dies zu.

Hinsichtlich der Sprache ist aber das entscheidende Stilmittel die weitestgehende Vermeidung von Umlauten. Wörter, welche die Buchstaben ä, ö und ü enthalten, verwende ich nur in Ausnahmefällen, bspw. kommen meine letzten beiden Gedichte „Das Palimpsest“ und „Inmitten der Wallstatt“ vollkommen ohne Umlaute aus, im überlangen Gedicht „Live aus Hamburg“ nur ein einziges Mal bei „Börsenschluss“, sogar im Magnus Opus „Dieser Diwan“ findet sich kein einziger Umlaut und in der Art ließe sich diese Aufzählung fortsetzen. Ich habe noch keine Nachforschungen diesbezüglich angestellt, vermute aber, dass dieses Stilmittel in der deutschsprachigen Dichtung nicht sehr weit verbreitet sein dürfte und da mein gesamter Diwan davon geprägt ist, kann man dies wohl getrost als ein Novum ansehen. Dieses Stilmittel trägt zur Klarheit der Sprache bei; die Sprache wird gewissermaßen kanalisiert, gebändigt, sie wird künstlich geformt, Teile ihrer eigenen Natur vorenthalten, sie muss sich anstrengen, gewohnte Ausdrücke und Wendungen durch andere ohne Umlaute zu ersetzen, ohne dabei jedoch umständlich zu wirken. Dadurch entsteht ein der Sprache immanenter Druck, eine Spannung, welche das Gedicht vitalisiert und zugleich in besonderem Maße gefasst und konzentriert erscheinen lässt. Auch steht der weitgehende Verzicht auf den Einsatz von Wörtern mit Umlaut für die religiös motivierte Entsagung von weltlichen Dingen. Und in dieser Hinsicht habe ich den stilistischen Verzicht auf Umlaute mittlerweile übertrieben, sieht die Sharia doch keinen Verzicht auf weltliche Dinge vor, sondern i.d.R. nur den maßvollen Umgang damit. In diesem Sinne sollte ich die stilistische Entsagung so gestalten, dass in jedem Gedicht jeweils ein paar Wörter mit Umlauten vorkommen.

Ein weiteres Merkmal des Diwans ist erzähltechnischer Natur: Nahezu alles Geschehen, alle Handlung bezieht sich immer auf mich selber, bzw. mein jeweiliges lyrisches Ich oder meine Dichtung, wie folgendes Beispiel veranschaulicht: „Wenn die Erde unter dir bebt, wird gerade ein Vers zerlegt, der in meinen Gedichten steht und im Teilchenbeschleuniger im kilometerlangen Kreis mit so hohem Tempo gedreht, dass bei Kollision der Versteile eine Atomexplosion entsteht!“ Ein anderes Beispiel: „Bei Versen von mir schreien Islamkritiker jedesmal „Takbir!“, als seien sie fanatisiert von Hizb ut Tahrir; Priester und Rabbis sinken auf die Knie; abgetriebene Babys werden wieder lebendig; von den Israelis wird freiwillig sogar wieder die Mauer abgerissen…“ Was auf den ersten Blick wirkt wie die normale Rapper-Mentalität, sich selber mit extrem übertriebenen Vergleichen zu glorifizieren, geht in seiner erzähltechnischen Wirkung jedoch weit darüber hinaus: Das Geschehen wird, indem es auf ein lyrisches Ich bezogen wird, perspektivisch so erfasst, dass auch thematisch sehr weit voneinander entfernte Punkte im lyrischen Ich zusammengeführt werden können. Das Geschehen wird personalisiert, es bekommt ein Label – den Ghetto Scheich – durch welches abstrakte Gegebenheiten und Themen in einer lyrischen Person gebunden werden können. Übrigens auch ein gängiges Stilmittel in der Werbung.

In diesem Sinne ist auch die stilistische Konstante des Diwans zu verstehen, nach der ich oftmals meinen eigenen Tod beschreibe. „Mit einer Panzerfaust schaltete ein Sniper den Dichter aus…“ Dieses Stilmittel war schon von Beginn an im Diwan präsent („Wie Menschenopfer in einem aktiven Vulkan, endet mein Leben in der Lava des Iman; Tod bei der Rezitation wie Uthman Ibn Affan“ in „Weisheiten des Ghetto Scheich Teil 2“), und wurde dann in „Dieser Diwan“ zu Hauptthema des Gedichtes. Die Bewandtnis dieses Stilmittels liegt in Kontemplation des Todes, dem religiösen Motiv sich des eigenen Ablebens bewusst zu sein und es nicht zu verdrängen; die Gegenwart dieses Stilmittels gleicht der Gegenwart des Todes im Leben.

In manche Gedichte integrierte ich auch Anspielungen auf den Nationalsozialismus oder ich verwende eindeutig nationalsozialistisch belegte Wörter. Vor der Erklärung zunächst einige Beispiele: „…auf dunklen Wegen gelangt verschollenes Nazigold am Ende in meine Hand, taucht diese Verse in geheimnisvollen Glanz…“; „…dominiere den Krieg mit zionistischer Taktik, katholischer Semi-Automatik, einer evangelischen Uzi und muslimischen Nazis, wenn Gahannam heiß ist, ist das Paradies die Arktis!“ (Hierzu die Fußnote: „Komplizierte metaphorische Wendung des Autors: Bedeutet ungefähr, dass dieser Autor im theologischen, philosophischen – allgemein im weltanschaulichen – Diskurs der Menschheit einen weit reichenden Überblick hat, welcher ihm eine Souveränität gibt, die ihn über den jeweiligen ideologischen Verirrungen der drei abrahamitischen Religionen, den Zionismus, christlichen Faschismus und dem modernen Islamismus stehen lässt.“) „Dieser Diwan ist entartete Kunst; dieser Diwan ist wie eine Bücherverbrennung; dieser Diwan ist wie ein Fackelmarsch von Neonazis…“ Dieses ungewöhnliche Stilmittel lässt sich zu einem Teil durch ein Zitat aus dem Diwan erklären: „Mit Begriffen wie Viertes Reich und Wehrmacht verbreite ich ein Klima der Angst“, es soll also dadurch ein Schock-Effekt in die Dichtung integriert werden, aber das Stilmittel hat noch tiefer gehende Bedeutung: Im islamkritischen Diskurs wird oftmals der polemische Vergleich bemüht zwischen Islam, den Muslimen oder Islamisten (je nachdem) und Nazis. Ich gedachte daraus eine Tugend zu machen, indem ich diesen Vergleich aufgreife und so einsetze, dass er im Diwan eine poetische Tiefenwirkung entfalten kann. Auch Tragedy Khadafi bezeichnete sich einige Male als „Arab Nazi“, so dass ich hier schon auf Bestehendes zurückgreifen konnte. Insbesondere mit dem Ergebnis dieses Stilmittels in meinen letzten beiden Gedichten (die „Nazigold“ Passage und das Neuschwabenland der Nazis in der Antarktis) bin ich sehr zufrieden.

Ich möchte nun die Aufzählung mit einem wirklich interessanten Stilmittel beschließen: In einigen Passagen beschreibe ich, dass mein Diwan schon seit Urzeiten besteht und nicht aus meiner Hand stammt. Zwei Beispiele: „…die verbrannten Reste werden nach einer Woche in einem Museum analysiert, es wird auf 3000 Jahre vor Christus datiert und somit ist es nicht die Bundeslade, sondern eine uralte Version dieses Diwans!“ und „Ausgrabungen beweisen, dass diese Verse seit Anbeginn scheinen, denn man fand ein uraltes Manuskript im Olivenhain,…“ Dies bezieht sich auf die Verse im Qur’an, die von einer Urschrift bei Gott sprechen, der Lawh ul Mahfuz „die wohlverwahrte Tafel“, von der auch der Qur’an nur eine Emanation ist. In der mystischen Phantasie kann man sich also vorstellen, dass alle Schriften nur ein schwacher Abglanz jener Urschrift bei Gott sind und Teile der göttlichen Wahrheit in sich tragen, so auch dieser Diwan.

Wie zu Beginn angekündigt bleiben diese Ausführungen unvollständig, als dass viele erwähnenswerte Details nun nicht mehr dargestellt werden. Ich denke aber, dass ich einen recht guten Einblick in die Konstruktion des Diwans geben konnte, denn die wesentlichen Charakterzüge des Diwans und seine konstituierenden Stilmittel wurden alle aufgezeigt. Auf dieser Grundlage soll nun gefragt werden: Ist mit dem Diwan der „Versuch, die muslimische Dichtkunst vergangener Tage, welche in verschiedenen Sprachen Höhepunkte erreichte, im Deutschen wieder aufzugreifen (DPDGS)“, bislang erfolgreich gewesen? Ich denke, diese Frage sollte nun von jedwedem nach objektiven Kriterien zu bejahen sein. Wem diese Zustimmung schwer fällt, sollte zuerst in der eigenen Sichtweise nach Defiziten und Barrieren suchen, welche verhindern, dass die Qualität, Originalität und Innovativität des Diwans erkannt werden kann.

Der Diwan ist eine metaphysische Weltschau, welche die normativen Implikationen der Moderne voll integriert hat, ohne dabei im Sinne einer banalen politischen Korrektheit berechenbar zu sein, wie es die christliche Theologie ist und der Euro-Islam sich anschickt zu werden. Der Diwan entsteht aus der Verbindung nicht mehr idealisierender Theologie und einer detranszendentalisierten Philosophie, welche den modernen Humanismus in seiner nunmehr klassisch zu nennenden Form, eingedenk naturwissenschaftlicher Argumentationsprämissen nicht mehr aufrecht erhält, aber keineswegs den umfassend postulierten Auffassungen jener Disziplinen stattgibt. Die weite Gedankenschleife des Diwans gibt auf gesellschaftlicher, philosophischer und theologischer Ebene neue Impulse, dargestellt in alten Symbole und Motiven, wie dies ehemals auch in Goethes Faust der Fall war. Zugleich entsteht durch die einzigartige Synthese von Islam, europäischer Aufklärung und stilistischen Elementen der Hip Hop-Kultur eine unabhängige eigene Symbolik. Der Diwan ist die einzige bestehende Chance eine deutschsprachige muslimische Dichtung zu begründen, welche ohne Romantik und Apologetik (Symptome, die anderen Versuchen in diese Richtung anhaften) auskommend, eine Strahlkraft und Virilität entwickelt, die über das eigene kulturelle Subsystem hinausreicht. Der Diwan wird getragen von einer selbstkritischen Gelassenheit, welche polemische Rhetorik gegenüber den direkten weltanschaulichen Gegenspielern nicht zulässt, aber die künstlerische Gestaltungsfreiheit jenseits politischer Korrektheit voll in Anspruch nimmt, ohne diese dadurch zu missbrauchen, weil die notwendigen Stellen im eigenen weltanschaulichen Programm offengelegt werden. Der Diwan ist das Ideal eines aufgeklärten Islams: Bei vollem Nachvollzug der Aufklärung bleibt der sunnitische Duktus so präsent, dass Euro-Islam, moderate modernistische Gruppierungen, Kultur-Muslime, nicht-muslimische Sekten aus dem muslimischen Kulturraum und offizielle nicht-mehr Muslime, welche allesamt darum bemüht sind, der Moderne gerecht zu werden und dabei eine wie auch immer geartete islamische Profilierung zu bewahren, vollkommen bloßgestellt werden und chancenlos ihre Unzulänglichkeiten in beidseitiger Hinsicht bekennen müssen: Dass sie weder imstande sind der Moderne in so einem Maß zu entsprechen, wie ich diese im Diwan nicht nur berücksichtige, sondern souverän repräsentiere, noch es vermögen sich dergestalt authentisch zum Islam zu bekennen. Dieser Diwan konstituiert deshalb „i.s.L.a.M.“, die integrierte selbstbewusste Lebensweise aufgeklärter Muslime und seine Verse bilden als Gravur auf dem Schwert des Glaubens einen mystischen Schwur!
 

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