1.1.08

Faust-Serie: Anfangsmonolog

Erster Teil der Tragödie


Nacht
In seinem Studierzimmer
sitzt Faust unruhig am Schreibtisch.

Faust:

Habe nun Philosophie, Jura,
Medizin und danach sogar,
von der Mystik zur Sharia,
islamische Theologie
so lange studiert,
dass nunmehr die
gesamte Menschheit
in Erkenntnis weit
hinter mir liegt;
mache mir jedoch
selber nichts vor,
ich sehe mich noch
genauso klug wie zuvor;
gewahrte ich wohl,
dass wir in Wahrheit
nichts wissen können;
und das ist dabei
mein Herz zu verbrennen;
keine Skrupel oder Zweifel,
weder das ewige Feuer
noch der Teufel,
belasten mein Gewissen,
aber auch alle Freude
wurde mir entrissen,
so werde ich Heute,
da alles andere verblichen,
meine Prinzipientreue
beschließen aufzugeben,
um mich stattdessen
der Magie zu ergeben;
zum ersten Mal im Leben
werde ich jetzt
einen Geist beschwören,
meinen Erfahrungsschatz
dergestalt krönen
und dadurch dann endlich,
so zumindest hoffe ich,
erkennen, was die Welt
in ihrem Innersten
zusammenhält!

Oh sehe doch,
voller Mondschein,
nur einmal noch
auf meine Pein,
die so oft bei Nacht
an diesem Schreibtisch
mich ereilt hat;
gebeugt auf die Schrift
war mir dein sanftes Licht
bewahrendes Geleit
in meiner Traurigkeit;
ich wollte, von dir beschienen
nun gerne spazieren;
in Gedanken beim Gehen
mit Geistern schweben;
im Halbdunkel sehen,
wie durch graues Weben
Nebel entstehen;
und der Wissensqualm,
von dem ich umgeben
würde dann langsam
vom Wind verwehen!

Aber Nein!
Ich befinde mich noch immer,
so wie ein
Gefangener in diesem Zimmer;
das Dasein elendig zu fristen
zwischen Büchern, alten Schriften
und eigenen Manuskripten,
sich stapelnd in den Regalen,
hervorquillend aus Schubladen,
verstreut liegend auf dem Schreibtisch
im Zorn weggewischt auf dem Boden,
mit Apparaten, Gläsern und Dosen
gleich einem Labor voll gestellt,
aus dem Besitz meiner Ahnen,
nicht benutzt von mir seit Jahren
Das ist deine Welt! Das ist eine Welt!

Fragst du noch, warum dein Herz
so angstvoll schlagend
deine Brust durchdringt?
Warum ein dunkler Schmerz,
dich ewig marternd,
deine Lebensfreude nimmt?
Die lebendige Natur,
in welche hinein
Gott Menschen erschuf,
offenbart sich als ein
ewiger Widerspruch
im flackernden Schein
der Kerze auf dem Totenkopf!

Dieses geheimnisvolle Buch,
geschrieben von Nostradamus,
ist es dir nicht Geleit genug,
wenn es das Nahe und Ferne
gleichermaßen vor dir auftut?
Du erkennst den Lauf der Sterne
und die Kraft in deiner Seele!
Zwar durchsetzt davon, doch ich weiß:
Es umgibt mich keine Leere!
Wie spreche ich mit einem Geist,
der mich aus meinem Elend weist?
Denn alleine nachzusinnen,
kann mich nicht mehr weiterbringen.
Ihr Geister, die ihr um mich schwebt!
Wie kann es mir nun gelingen,
dass ihr euch zu erkennen gebt?

Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmos.

Ah! Bei diesem Anblick
ist es, als durchfließt mich
heiliges Lebensglück;
fast scheint es, als ob Gott
das Zeichen niederschrieb,
da es perfekt den
Makrokosmos wiedergibt;
bei der Betrachtung von
tiefer Freude erfüllt,
werden mir Geheimnisse
der Natur enthüllt;
derart überwältigt,
wird mir jetzt so licht!
Ich verstehe, was der
Weise meint, wenn er spricht:
„Das Tor der Geisterwelt
steht dem Menschen offen,
jedoch sein Herz ist tot;
erst von Licht begossen,
gebadet im Morgenrot
kann die Sehnsucht knospen.“

Er betrachtet das Zeichen.

Wie alles sich zum Ganzen webt,
eins im anderen wirkt und lebt!
Wie eine Ahnung um mich schwebt
und, dass die Erde knirscht und bebt,
machtvoll auf mich niedergeht.
Mit segenduftenden Schwingen
sind es die Befehle Gottes,
welche die Seele durchdringen
und das ganze All durchklingen!
Aber es bleibt doch
ein Schauspiel nur!
Wie erfasse ich dich,
unendliche Natur?
Die Quelle allen Lebens,
welcher der Kosmos entspringt,
dahin die Sehnsucht dringt;
sie gibt und sie nimmt.
Leide ich vergebens?

Unwillig schlägt Er das Buch um
und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.

Wie anders wirkt
dieses Zeichen!
Was es verbirgt,
kann ich eher
noch erreichen:
Den Geist der Erde
vermag ich zu begreifen;
mein wahres Wesen
erkenne ich durch ihn;
bejahe nun das Leben;
erkenne Mut in mir,
mich in die Welt zu wagen,
die Freude und das Leid
der Erde zu ertragen;
im Sturm auszuharren
und bei Schiffbruch
nicht in Panik zu verfallen…

Wie es auf einmal dunkler wird!
Der Mond sein Licht verbirgt;
die Kerze wild flackernd erstirbt;
Nebel ziehen auf,
von Schwaden durchwirkt,
erstickt der Raum;
rote Strahlen zucken
um mein Haupt;
kaltes Grauen weht
von Draußen heran
ein kalter Schauder
durchdringt mich sodann!
Nun da ich, erflehter Geist,
deine Gegenwart fühlen kann:
Mein Herz zerreißt,
wenn du auch jetzt
dich mir nicht zeigst
zu sehr bin ich
dem Verlangen erlegen
dich endlich zu sehen;
und koste es mein Leben:
du musst dich mir
zu erkennen geben!

Faust ergreift das Buch und spricht das Zeichen des Geistes
geheimnisvoll aus. Rote Flammen durchzucken
den Raum, in denen alsdann der Geist erscheint.


Geist: Wer ruft nach mir?
Faust (abgewendet): Schreckliches Gesicht!
Geist: Dein Flehen hat mich angezogen,
an meiner Sphäre lange gesogen
und jetzt –
Faust: Ich ertrage dich nicht!
Geist: Es entsprach deinem Begehren,
meine Stimme zu vernehmen
und in mein Antlitz zu sehen;
nun – da bin ich aus Erbarmen
zu deinem Seelenflehen.
Was muss ich gewahren?
Anstatt dich zu freuen,
erfasst dich elendiges Grauen;
hinfort dein Selbstvertrauen,
dein außerordentlicher Mut,
der dich bis zu Grenzen trug,
jenseits derer deiner Seele Ruf,
sich in meiner Sphäre entlud;
dein brillanter Verstand,
der in sich eine Welt erschuf,
bleibt mir unerkannt;
genauso dein Herz,
das mit Freudenbeben
erschwoll, sich auf den Rang
der Geister zu erheben.
Wo bist du, Faust,
dessen Aura so stark war,
dass ich ihren Schein
weit entfernt wahrnahm?
Bist wirklich du es,
der, von meinem Hauch umwittert,
vor Angst um sein Leben zittert,
zusammengekrümmt wie ein Wurm?
Faust: Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin es, Faust, bin deinesgleichen!
Geist: In Lebensfluten, im Tatensturm
woge ich auf und ab,
und wehe hin und her!
Geburt und Grab;
ein ewiges Meer;
am Webstuhl der Zeit
wirke ich der Gottheit
lebendiges Kleid.
Faust: Der du die weite Welt umschweifst,
ersehnter Geist, wie nahe bin ich dir!
Geist: Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht aber mir! (verschwindet)
Faust (zusammenstürzend):

Nicht dir?
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Nicht einmal dir…
 

kostenloser Counter