6.2.08

Das lyrische Scheichtum

„Nicht die Dichter siegen, sondern die Philosophen ergeben sich.“ [1]


Das lyrische Scheichtum


„Stattlich und feist“ [2]
ruht der Ghetto Scheich,
versunken in sich selbst,
auf dem lyrischen Thron;
sein Blick schweift
durch das von ihm
erschaffene Reich,
welches sich erhob,
Inseln vor Dubai gleich,
aus dem Ozean der Worte,
wie das von Faust trockengelegte
Meer hinter dem Deich! [3]
Der lange gehegte Traum
von neuem Lebensraum
wurde so Wirklichkeit;
sie existierten kaum,
da strandeten
an den jungen Gestaden
die ersten Migranten,
als sie Asyl erbaten
mussten sie zur Observation
auf einer vorgelagerten,
Quarantänestation
sehr lange warten
bis man den Antrag,
jedem einzelnen statt gab
die Erkrankten wurden isoliert
bis entweder sie
genasen oder starben;
alle wichtigen Staaten
entsandten Diplomaten;
die EU und USA
errichteten sogar
dauerhaft Konsulate;
die von der Diplomatie
erzielten Resultate
machten sie zu Partnern:
Die Vereinten Nationen
entrichten Jizya [4]
an das lyrische Scheichtum,
welches im Gegenzug
verpflichtet ist, nur zu
poetischen Interessen
Verse einzusetzen;
sie nicht stattdessen
auf die Menschheit zu hetzen
als todbringenden Schwarm,
der die Vergangenheit und Zukunft
verbindende Gegenwart
an ihrem Ursprung zu Eis erstarrt.
Der Ghetto Scheich, stark
gealtert und vernarbt,
ruht, mit dem Haupt
vergraben in der Hand,
nun abgewendet vom Land;
die Augenlider geschlossen,
da er die Aussicht genossen,
kann er wieder ein Gedicht verfassen,
anstatt des Blicks seine Gedanken
schweifen lassen:

Diese Verse zieren als Gravur
das Schwert des Glaubens
als mystischen Schwur;
Synthese des Grauens:
Al-Khidr und Gromer Somer Jour; [5]
Anfang des Jahrtausends
erhebt sich die Kreatur;
wenn die Eismassen tauen,
die Bevölkerungsstruktur
sich verschiebt zu den Frauen
und ’Ulama „Shajar ad Dur“ [6]
das Kalifat anvertrauen!

Die Desiderata [7]
der Persona non Grata [8]
angeschlagen an die Ka’ba;
von den Mu’allaqat [9]
zu der Vulgata, [10]
Ikhwan us Saffa [11]
zu Franz Kafka,
vom Prager Ghetto
zur Al Hambra,
„Nathan der Weise“
von Lessing
zu „Die Weltalter“
von Schelling, [12]
wieder zu „Fiqh ul Akbar“ [13]
und law laaka law laaka
maa khalaqtul aflaaka, [14]
bleibt mein Stil unnachahmbar;
Hi Tec wie die Nasa;
Verse wie Tage in Gaza;
jeder Reim von mir:
ein weiteres Janaza; [15]
schlechte MC’s
sterben aus wie die Zaza, [16]
jene muslimischer Herkunft
sagen die Shahada, [17]
entgehen ihrem Tod
eben noch gerade,
unbeschreiblich wie
die Aussicht von Masada, [18]
wirken meine Reime wie
eine neue Intifada,
ohne Attentate
aber noch fataler,
wie Ernst Jandl sagte: [19]
„Die Rache der Sprache
ist das Gedicht.“ Es tagte
und ward doch kein Licht;
wie ein Krake hatten Verse
die Erde fest im Griff;
Gebirge zerbarsten;
der Kontinentaldrift,
weshalb eigentlich
Gebirge zerkarsten,
kam zum halten,
so konnten alleinig
die Gesetze der Lyrik walten
und die Welt neu gestalten!
Das lyrische Scheichtum
war ihm nicht genug,
dass der Ghetto Scheich
so die Welt neu erschuf,
detailreich mit Worten
bildete er den Globus
und in poetischen Retorten
den Homunkulus in Kohorten, [20]
um in kunstvollen Weiten
sich allerorten auszubreiten,
anstatt zu gehorchen,
durchzogen sie diese
sengend und mordend;
alles versank im Chaos;
der Ghetto Scheich bewahrte
nichtsdestotrotz seinen Pathos;
als er aus Distanz gewahrte,
dass sich seine Vision
selbst zerstörte, verharrte
er auf dem lyrischen Thron
und konstruierte schon
wieder Dichtung wortgewandt
als ontologischen Tatbestand: [21]

Diese Verse zieren als Gravur
das Schwert des Glaubens
als mystischen Schwur;
Synthese des Grauens:
Al-Khidr und Gromer Somer Jour;
Anfang des Jahrtausends
erhebt sich die Kreatur;
wenn die Eismassen tauen,
die Bevölkerungsstruktur
sich verschiebt zu den Frauen
und ’Ulama „Shajar ad Dur“
das Kalifat anvertrauen!




[1] Umberto Eco: Kant und das Schnabeltier, S. 45
[2] So beginnt die Ulysses von James Joyce
[3] Bezieht sich auf Faust II, fünfter Akt: offene Gegend. In der Schilderung des Philemon und der anschließenden Wechselrede der beiden Alten erfährt der Wanderer, und mit ihm der Leser, dass der neue Herr des Landes - Faust, der aber ungenannt bleibt - vom Kaiser als Lohn für den Kampf gegen den Gegenkaiser mit dem Strand belehnt worden ist. Kaum im Besitz dieses Landes ging man daran, dem Meer Land abzutrotzen. Während die Arbeit tagsüber kaum vorankam, sah man des Nachts Flammen umherirren, wo am anderen Morgen bereits ein Damm stand. Die Erschaffung neuen Landes war offensichtlich nur mit Hilfe von Zauberei möglich. (Wikipedia)
[4] Arabisch für: Schutzsteuer
[5] Khidr literally means 'The Green One', representing freshness of spirit and eternal liveliness, green symbolizing the freshness of knowledge “drawn out of the living sources of life.” Whatever the source for this green may he, it has come to symbolize the benign presence of the divine wisdom as imparted by the Divine Himself to Khidr and to Prophet Muhammad. Qur'ânic commentators say that al-Khidr ('The Green Man' of pre-Islamic lore) is one of the prophets; others refer to him simply as an angel who functions as a guide to those who seek God. And there are yet others who argue for his being a perfect wali meaning the one whom God has taken as a friend. Khidr is associated with the Water of Life. Since he drank the water of immortality he is described as the one who has found the source of life, 'the Eternal Youth.' He is the mysterious guide and immortal saint in popular Islamic lore and the hidden initiator of those who walk the mystical path. In the Muslim tradition Khidr is alive and well and continues to guide the perplexed and those who invoke his name. (khidr.org)
Gromer Somer Jour ist eine Gestalt aus der Artus-Sage. Sie wurde im 13. Jahrhundert durch ein Gedicht von einem unbekannten Autor in den Sagen-Komplex eingeführt. „Da erscheint auf Camelot eine furchterregende Gestalt aus der Anderwelt namens Gromer Somer Jour, so etwas wie ein Überzauberer und Hexenmeister.“ (Heinz Ohff, König Artus – Eine Sage und ihre Geschichte, Piper Verlag 2000 (2. Aufl.), S. 102)
[6] ’Ulama: muslimische Gelehrte; Schadschar ad-Durr (gest. 12. April 1257) war Sultanin in Ägypten (ab 1250).
Schadschar ad-Durr (arabisch: "Perlenbaum") war türkischer oder armenischer Abstammung und wurde als Haremssklavin von Kalif as-Salih (1240–1249) verschenkt. Wegen ihrer Klugheit und Schönheit wurde sie bald dessen Lieblingsfrau, als welche sie auch Einfluss auf die Regierung gewann. Nach dem Tod von as-Salih übernahm Schadschar ad-Durr 1249 zeitweilig die Regentschaft, bis ihr Stiefsohn Turan Schah aus Syrien in Kairo eintraf und die Herrschaft übernehmen konnte.
Nach der Ermordung von Turan Schah durch Mamluken und dem Ende der Ayyubiden-Dynastie kam es zu einem Machtvakuum, da sich die Emire der Mamluken zunächst nicht über ihre politischen Ziele einigen konnten. In dieser Situation wurde Schadschar ad-Durr deshalb als Sultanin anerkannt.
Allerdings stieß die Herrschaft einer Frau in der islamischen Welt auf Ablehnung. Schadschar ad-Durr musste deshalb auf Beschluss der Mamlukenemire Izz ad-Din Aybak, einen angesehenen Mamlukenführer, heiraten. Auch wenn dieser sich erfolgreich um die Legitimierung seiner Herrschaft bemühte, hatte Schadschar ad-Durr doch weiterhin sehr großen Einfluss, so wurden z.B. die Reichsfinanzen von ihr kontrolliert. Als Aybak 1257 aber ein Bündnis mit dem Herrscher von Mossul eingehen und dieses mit einer Heirat besiegeln wollte, drohte Schadschar ad-Durr der Verlust ihres Einflusses. Sie ließ deshalb Aybak ermorden, wurde aber von den Mamluken gefangen gesetzt und wenige Tage später tot aufgefunden. (Wikipedia)
[7] Die Desiderata, auch als Lebensregel von Baltimore bezeichnet, ist ein Gedicht zum Thema „So führst du ein glückliches Leben“. Es wurde 1927 von Max Ehrmann (1872–1945), einem Rechtsanwalt aus Terre Haute (Indiana), USA verfasst. Eine verbreitete Urban Legend behauptet, es stamme aus der Old St. Paul´s-Kirche, Baltimore 1692. (Wikipedia)
[8] Lateinisch für eine Person, die nicht willkommen ist.
[9] The Mu'allaqāt is the title of a group of seven long Arabic poems that have come down from the time before Islam. Each is considered the best work of these pre-Islamic poets. The name means The Suspended Odes or The Hanging Poems, the traditional explanation being that these poems were hung on or in the Ka'ba at Mecca. (Wikipedia)
[10] Lateinischer Bibeltext
[11] „Die Lauteren Brüder“ eine mittelalterliche Sufi-Geheimsekte.
[12] Ein Werk des deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, einer der Hauptvertreter des Deutschen Idealismus im 19 Jahrhundert.
[13] Ein Werk des islamischen Rechtsgelehrten Abu Hanifa (gest. 767).
[14] Berühmte mystische Tradition: Gott spricht:„Wenn nicht du, Wenn nicht du (Oh Muhammad), hätte ich das Universum nicht erschaffen.“
[15] Das islamische Totengebet
[16] Die Zaza sind eine Volksgruppe in Ostanatolien. Ihre Zahl wird auf 2 bis 3 Millionen geschätzt. Es gibt in Deutschland schätzungsweise 150.000-200.000 Zazas. (Wikipeadia)
[17] Das muslimische Glaubensbekenntnis.
[18] Ehemalige jüdische Festung am Toten Meer
[19] Österreichischer Dichter (gest. 2000)
[20] Künstlich erschaffener Mensch in der Alchemie
[21] Die Ontologie (aus dem Griechischen: „sein“ und „Lehre“, „Wort“) ist eine Disziplin der theoretischen Philosophie. Es geht ihr um die Grundstrukturen der Realität (dessen, was existiert, des Seienden), insbesondere, einigen Konzeptionen nach, um das Sein selbst (nicht was etwas ist, sondern dass und warum es existiert), anders formuliert: um das Seiende als solches (nicht um jeweils bestimmte Objekte) und um fundamentale Typen von Entitäten (Gegenstände, Eigenschaften, Prozesse). (Wikipedia)
 

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