18.3.08

Faust-Serie Teil 2


Faust erwacht nach einiger Zeit aus der tiefen Ohnmacht, in welche er nach der Begegnung mit dem Geist gefallen war.

Faust:

Durch Ohmacht riss mein Verstand sich los,
von dem was ihn zerstören wollte;
ach, die Erscheinung war riesengroß,
dass ich mich klein empfinden sollte.

Vordem erklomm ich doch schon
als Ebenbild der Gottheit
die Stufen zu Seinem Thron:
Nah der ewigen Wahrheit,
abgestreift den Erdensohn,
in Himmelsglanz und Klarheit;
mehr als Cherub denn Person,
dessen grenzenlose Kraft
in kosmischen Adern fließt,
sich das Leben selbst erschafft,
welches er ewig genießt,
wurde ich dahingerafft
von dem erhabenen Geist,
zu dem ich selbst mich vermaß,
so dass zu Beginn bereits,
ich von meinem Wahn genas.

Wie war ich doch vermessen,
da ich die Kraft besessen,
den Geist herbei zu rufen,
mir anzumaßen, dessen
Wesenheit zu versuchen;
Der heilige Augenblick
erschien mir so kurz, so groß
dann warf es mich zurück
ins ungewisse Menschenlos.
Wer lehrt mich, was zu meiden?
Nun gehorchte ich dem Drang,
es brachte mir nur Leiden;
was so verheißungsvoll klang,
wurde fast mein Untergang.

Mithin: Zu dem Herrlichsten
was auch der Geist empfangen,
naht sich fremder Stoff heran;
das Gute zu erlangen,
steigert sich so irgendwann
zu maßlosem Selbstbetrug,
geschaffen durch den Verstand,
den uns Gott, als höchstes Gut,
zu herrschen an seiner statt,
in diesem Leben auftrug.

Wenn Phantasie sich sonst selbst
ihren erhabenen Flug
zum Ewigen erweitert,
so ist es ihr jetzt genug,
wenn sie autark bereichert,
im Zeitenstrudel scheitert.
Die Sorge eingenistet
tief in des Menschens Herzen,
wirkt sie geheime Schmerzen;
stets versteckt hinter Masken:
Frauen, Kindern und Besitz;
Feuer, Wasser, Dolch und Gift.
Angst schwebt gleichsam unbestimmt,
auf dem was man eigen nennt,
so man was man nicht verliert,
ewig zu beweinen hat.

Gott gleiche ich wahrhaft nicht,
das wäre zu tief gedacht,
ich bin eher wie ein Wurm,
der im Staub sich nährend lebt;
es erfasst ihn Gottes Zorn,
wenn ihn des Wanderers Tritt
zerquetscht und dann begräbt.

Denn es ist mir nur noch Staub,
was diesem Raum den Platz raubt;
in hunderten von Fächern,
sich stapelnd in Regalen
nimmt es mir fast den Atem;
bedrängt und eingeengt
in dieser Mottenwelt,
soll ich finden, was mir fehlt?
Muss ich in Büchern lesen,
dass die Menschheit sich gequält
und mal jemand gewesen,
der trotzdem glücklich gelebt,
und nicht nur im Jammertal
an das Jenseits geglaubt hat?
Was grinst mich jetzt auf einmal
dieser hohle Schädel an?
War nicht dein Gehirn auch einst
genauso verwirrt wie meins?
Brach die Dämmerung herein,
war mir die Lust nach Wahrheit
nur Quelle neuen Irrtums.
Instrumente! Spottet mein!
Ich ertrage es ruhig,
solltet ihr doch Schlüssel sein
zum Tor der Erkenntnis;
davor kam ich – doch nie rein,
denn ihr öffnetet es nicht;
weder am helllichten Tag
so wenig als durch Technik
gibt uns Natur Einblick,
in was sie offenbaren mag!

Warum heftet sich mein Blick
jetzt dort auf jene Stelle?
Den Augen wie ein Magnet,
dass diese kleine Flasche
da oben im Regal steht.
Gegrüßt seiest du – Phiole,
welche ich nun mit Inbrunst
zu mir herunterhole;
es ist Menschenwitz und Kunst,
den ich an dir verehre,
erweise auch mir nun Gunst,
indem du als Inbegriff
jeden reinen, edlen Gifts
mir nun von deiner Kraft gibst;
schon als ich dich gewahrte,
wurde mein Schmerz gelindert;
jetzt da ich dich ergreife,
die Unrast schon gemindert;
des Geistes Flutstrom verebbt –
obschon langsam – nach und nach;
wie wenn die Hand sich ausstreckt,
greift nun mein Verstand in dem Maß,
als dieser wieder aufklart,
zu neuen hehren Zielen;
ein Feuerwagen sich naht,
schwebend auf leichten Schwingen;
bin bereit auf neuer Bahn
das Weltall zu durchdringen;
neue Spähren erklingen;
erahne Gotteswonne;
erst noch Wurm kehre ich nun
der holden Erdensonne
entschlossen den Rücken zu,
um Pforten aufzureißen,
da man sonst gern vorbeischleicht,
denn es gilt zu beweisen,
dass vor Gott der Mensch nicht weicht;
vor der Höhle nicht zu beben,
in der sich die Phantasie
zu eigener Qual verdammt;
nach dem Durchgang zu streben,
um den Jahannam aufflammt;
sich zu dieser großen Tat
ohne Angst zu entschließen,
auch angesichts der Gefahr
ins Nichts dahin zu fließen!

Der kristallene Pokal
sei sodann hervorgeholt
aus dem alten Futteral;
nicht geneigt dem Alkohol,
ist es nun lange her schon,
dass der Kelch ernste Gäste
der Väter Freudenfeste
erheiterte beim Umtrunk;
gegenseitig zugebracht,
tat man seine Verehrung
erst zu dieses Kelches Pracht
in der Form von Versen kund
und als man sich so erklärt,
ward mit einem Zug geleert;
von mir wird der Pokal jetzt
auf andere Art geehrt,
denn er wird mit Gift benetzt,
was ich als Ende wähle;
damit aufrecht bis zuletzt
gebe ich meine Seele
in todbringende Obhut;
es sei nun mein letzter Trank
mit feierlichem hohem Gruß
an den nahenden Morgen,
den ich nicht mehr – Gott sei Dank –
erleben muss, mich sorgen!

Er setzt den Kelch an den Mund.
Von draußen erklingt der Ruf zum Morgengebet.

Welch tiefer Klang – hell und klar –
zieht gewaltsam mich vom Glas?
Bereits an meinem Munde;
das Gift zu den Lippen kam
und jetzt erklingt der Adhan
zur ersten Feierstunde
von des Opferfestes Tag.
Was sucht – mächtig und gelind –
der Himmelsklang im Staube,
dort wo schwache Menschen sind?
Die Botschaft höre ich wohl,
allein fehlt mir der Glaube;
doch von Jugend an gewohnt
diesen Ruf zu vernehmen
bringt er mich wieder zurück
in das irdische Leben;
wie sonst der himmlische Kuss
durchbrach die ernste Stille,
in die ich versinken muss,
auf das mein Geist sich fülle;
das Gebet war mir Genuss,
stets als eine sinnvolle
Pause von des Studiums
gedankenschwerer Arbeit,
erkenne darin Wahrheit;
der Ruf danach zieht mich fort
vom Gedanken an Selbstmord;
so klingt ihr Himmelslieder!
Die Erde hat mich wieder!
 

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