27.4.08

Am Weltrand

„Dem Dichter ist es an- und eingeboren,
Daß er sich lange in sich selbst versenkt,
Und, in das inn're Labyrinth verloren,
Des äußeren der Welt erst spät gedenkt;
Und dennoch hat ihn die Natur erkoren,
Zu zeigen, wie sich dieß mit dem verschränkt,
Und es in klarem Bilde darzustellen,
Wie beide sich ergänzen und erhellen“ [1]

Am Weltrand [2]

Mein Herz ist die Ka’ba;
jeder Vers ist ein Pilger;
Von Myriaden umkreist;
jeder einzelne schreit:
Frieden sei auf dir
oh Ghetto Scheich!“
Dem Herrscher der „Drei Indien“
Presbyter Johannes gleich [3]
gebiete ich im lyrischen Reich
als Imam der Kannibalen,
Imam der Kynokephalen [4]
und Imam der Amazonen
über die Gentes exclusi: [5]
Blemmyer und Skiapoden, [6]
Greifen und Panotti, [7]
Roch und der Bahamut; [8]
die Parallelgesellschaft
war mir nicht genug,
weshalb ich ein
Paralleluniversum erschuf;
Völker des Weltrands
und islamische Kultur
in ihrem Widerhall
von Boabdil zu Bomdadil; [9]
auf immerdar Vasall;
unnachahmbar im Stil;
vergleichbar mit dem All,
das wie ein Projektil
sich in Spiralen ausdehnt;
alles in diesem Traktat
ist so vielem entlehnt:
'Aja'ib al-Makhluqat
Ghara'ib al-Mawjudat, [10]
Imam Rabbanis Maktubat [11]
und von Platon „Der Staat“; [12]
als das Biest sich naht,
befinde ich mich
auf dem schmalen Grat; [13]
es riecht nach Verrat:
Realität und Vorstellung
bilden als Substrat
die eigene Wahrnehmung;
Geistesgegenwart
in meiner Dichtung
ist was mich bewahrt,
als es meiner Richtung
Feuer speit, gewahrt
es, dass die Flammen
zu Eis erstarren,
nachdem sie gefrieren,
des Abgrunds Schatten
seinen Tod gebieren;
meine Gegner explodieren
wie beim Atomschach [14]
beim ersten Kontakt;
schlechten MC’s
werden wechselseitig
Hände und Füße abgehackt
und dann gekreuzigt,
so dass die Allee
von Kreuzen gesäumt wird,
wenn meine Armee
beim Triumphzug
hindurchzieht!

Ein lyrischer ’Ilm ul Hal [15]
besser als der Istiklal; [16]
„ne bu siddet bu celal“ ; [17]
in Gleichnissen und Amthal; [18]
Geheimwissen, al-Anfal; [19]
wie Jesus beim Abendmahl;
in Demut Abu Zeyneb;
Aura Check von Aurangzeb! [20]

Auf der Makro-Ebene
erkennt man nur Schemen,
auf der Meso-Ebene
ist deutlich zu sehen,
was auf der Mikro-Ebene
schwer ist, noch einen Sinn zu geben;
fremdartige Wesen,
monströse Rassen,
um das Gedicht
thematisch zu erfassen;
Belletristik, bellizistisch; [21]
die einen vernichtet
andere gerichtet,
doch letztendlich nur gedichtet;
im Reich der Mythen verpflichtet
als Imam der Troglodyten, [22]
Imam der Monophysiten [23]
und Imam der Prototypen
genmanipulierter Menschen;
sich in Gott zu versenken
durch nachmetaphysisches Denken,
nur um zu ertrinken
oder zu erblinden,
die Sinne schwinden,
die Haut beginnt zu grinden; [24]
es erklingt ma tayassar [25]
von den Versen,
worauf du nicht gefasst warst:
Zeit zu sterben!
Um meinen Nachlass
schon jetzt zu erwerben,
will das Archiv Marbach [26]
die Rechte daran sichern;
gleichsam den Irrlichtern,
die im Nebel flimmern,
locken mich die Verse
wie ein leises Wimmern,
klagend in die Ferne,
rasend wie die Sterne,
fahlend erhellt ihr Licht [27]
die alte Zisterne,
aus deren Wasser Poetik
mir emporzuheben ansteht;
vernehme, wie sie mich anfleht;
so sei, dass ich sie errette;
ihre zarte Silhouette
manifestiert sich unter
der Wasseroberfläche;
wie im Frühling die Bäche
schwillt sie heran
in drei Dimensionen
und wirkt fortan
in meinen Visionen,
denn zur Entfaltung
ist ihrem Wesenszug
nur dort Raum genug!

Ein lyrischer ’Ilm ul Hal
besser als der Istiklal;
„ne bu siddet bu celal“;
in Gleichnissen und Amthal;
Geheimwissen, al-Anfal;
wie Jesus beim Abendmahl;
in Demut Abu Zeyneb;
Aura Check von Aurangzeb!





[1] Friedrich Hebbel: Erste Strophe der Widmung zu „Maria Magdalena“
[2] Der Titel und Teile des Gedichts sind inspiriert von der wiederholten Lektüre Umberto Ecos „Baudolino“ und der daraus motivierten Lektüre der beeindruckenden ethnografischen Studie „Hundsköpfe und Amazonen – Als die Welt voller Monster war“ von Werner Petermann (Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2007).
[3] Der Priesterkönig Johannes (lat.: rex et sacerdos oder indorum rex, andere Namen: Priester Johannes, Presbyter Johannes, Prester Johannes) ist ein mythischer Regent des Mittelalters, der angeblich ein großes und mächtiges christliches Reich im östlichen Asien beherrschen soll. (Wikipedia) Sein Reich wurde auch als das Reich der „Drei Indien“ bezeichnet.
[4] Kynokephale sind zunächst generell Hundsköpfige. Man bezeichnet damit hauptsächlich die menschenartigen Kynokephalen, die seit in der Antike in Literatur und Kunst nachweisbar sind und im Mittelalter weitere Verbreitung fanden. Sie gehören zu den Wundervölkern, bzw. monstra (auch Fabelvölker, monströse Menschenrassen), die man sich an den Rändern der Ökumene, also der zivilisierten Welt, vor allem in Indien oder Afrika vorstellte. (Wikipedia)
[5] In der mittelalterlichen Vorstellung war die Ökumene, die zivilisierte Welt, von den Gentes inclusi bevölkert, der Weltrand von den Gentes exclusi.
[6] Die Blemmyer waren ein antiker Nomadenstamm in Nubien. Bereits Plinius der Ältere berichtet, dass die Blemmyer keinen Kopf hätten (traduntur capita abesse, ore et oculis pectore adfixis). Über Isidor von Sevilla, der sie in Libyen ansiedelt, wird diese Beschreibung von mittelalterlichen Autoren, wie Jehan de Mandeville, Sebastian Münster und Hartmann Schedel übernommen. Mandeville lokalisiert sie in Indien. (Wikipedia)
Skiapoden (Schattenfüßler) sind Fabelwesen von menschlicher Gestalt, aber mit nur einem Bein. Mit diesem sollen sie blitzschnell laufen können. Ihren riesigen Fuß halten sie beim Liegen als Sonnenschutz über sich. (Wikipedia)
[7] The Panotti (from the Greek words for "all ears") were a mythical race of creatures, described as possessing large ears that covered their entire bodies. They are mentioned by classical writers such as Pliny the Elder, who writes that they live in the "All-Ears Islands" off Scythia. Pomponius Mela, however, writes that they lived near the Orkneys, sharing an island with other creatures: Oeonae (who eat only oats and marsh bird eggs) and Hippopodes (who possess the feet of horses). Isidore of Seville also mentions the Panotti. (Wikipedia)
[8] Der Vogel Roch, auch Roc, Rokh, Ruch oder Rock (von arabisch „ar-Rukhkh“ ), ist ein Wesen aus den arabischen Erzählungen von Tausendundeiner Nacht. Er wird aber auch in Beschreibungen von Marco Polo und anderen Reisenden und Händlern des Indischen Ozeans erwähnt und ist nach deren Aussagen größer als ein Mensch. Meyers Konversations-Lexikon von 1888 schreibt sinngemäß dazu: „Der Vogel Rock ist in den arabischen Märchen ein Vogel von so fabelhafter Größe und Stärke, daß er einen Elefanten durch die Lüfte zu tragen vermag. Er ist ein gebräuchliches Vehikel für Luftreisen, die in den arabischen Märchen so häufig sind, und spielt auch seine Rolle in der mittelhochdeutschen Poesie.“
Nach der kryptozoologischen Haupttheorie basiert die Legende vom Vogel Roch im wesentlichen auf dem mittlerweile ausgestorbenen Elefantenvogel (Aepyornis maximus) aus Madagaskar, der zwar wie Moa oder Strauß zu den großen Laufvögeln gehört, jedoch keineswegs die Größe des legendären Roch erreicht. Der Turm im Schachspiel wurde im Laufe seiner Geschichte mit dem Vogel Roch assoziiert. Im englischen heißt der Turm "Rook", und auch die Rochade ist ein immer noch geläufiger Begriff. (Wikipedia)
Bahamut ist einer arabischen Legende nach ein wundersamer Fisch, der in grundlosen Gewässern schwimmt und das gesamte Gebäude der Welt auf sich trägt. In einer Überlieferung heißt es: „Gott schuf die Erde, aber die Erde hatte keinen Halt, und so schuf er unter der Erde einen Engel. Aber der Engel hatte keinen Halt, und so schuf er unter den Füßen des Engels einen Felsen aus Rubin. Aber der Felsen hatte keinen Halt, und so schuf er unter dem Felsen einen Stier mit viertausend Augen, Ohren, Nasen, Mäulern, Zungen und Füßen. Aber der Stier hatte keinen Halt, und so schuf er unter dem Stier einen Fisch namens Bahamut und unter den Fisch tat er Wasser und unter das Wasser Finsternis, und die menschliche Wissenschaft weiß nicht, was sich jenseits dieses Punktes befindet.“
Der Mythos basiert auf dem sagenhaften Urzeitmonster Behemoth, das im Buch Hiob im Alten Testament erwähnt wird. In Tausendundeine Nacht wird berichtet, dass Bahamut so riesig und strahlend sei, dass kein Mensch seinen Anblick ertragen könne. Alle Meere der Erde, in einem seiner Nasenlöcher untergebracht, wären wie ein Senfkorn inmitten einer Wüste. In der 496. Nacht aus Tausendundeiner Nacht wird erzählt, dass es Isa bin Maryam (Jesus von Nazaret) auf seinen Wunsch hin erlaubt wurde, Bahamut zu sehen, mit dem Ergebnis, dass er bewusstlos zu Boden sank und erst nach drei Tagen wieder aus seiner Ohnmacht erwachte. Möglicherweise steht die Größe und Mächtigkeit des sagenhaften Fisches für den Kosmos. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges vermutet dagegen, die Vorstellung eines Engels über einem Felsen, der auf einem Stier ruhe, der auf dem Bahamut stehe, der über Unbekanntem schwimme, beziehe sich auf den kausalen Gottesbeweis des Aristoteles: Demnach müsse es, da jede Ursache auf eine ihr zugrundeliegende Ursache zurückgeführt werden könne, eine allererste Ursache geben, um einen regressus ad infinitum zu vermeiden. (Wikipedia)
[9] Muhammad XII. Abu Abdallah (gest. 1533 in Fès), bei den christlichen Spaniern seiner Zeit als Boabdil bekannt, auch genannt el chico, „das Kind“ oder el Zogoibi, „der Unglückliche“, war von 1482 bis 1483 und von 1485 bis 1492 Sultan von Granada. (Wikipedia)
Tom Bombadil ist eines der größten Rätsel in Tolkiens Werken. Er ist ein nicht näher beschriebenes Wesen, das in Gestalt eines fröhlichen Mannes auftritt und zusammen mit seiner Gemahlin Goldbeere im „Alten Wald“ lebt, einem denkwürdigen Ort voller bösartiger Bäume, die Bombadil aber problemlos kontrolliert. Er erscheint stets fröhlich und hilfsbereit, meist durch die Gegend springend und laut sinnlose Lieder singend. So widmete ihm Tolkien mit Die Abenteuer des Tom Bombadil 1962 einen eigenen kleinen Gedichtband. Ein weiteres Charakteristikum Bombadils ist, dass ihm sowohl Furcht als auch das Verlangen nach Besitz oder Herrschaft völlig abgehen. Aus diesem Grund hat der Eine Ring keine Wirkung auf ihn. Bombadil ist nicht nur rätselhaft, sondern scheint „aus einer anderen Welt“ zu stammen: Er passt nicht in die sonst sauber in Kategorien eingeteilte Welt des Herrn der Ringe, so lässt er sich beispielsweise keinem der von Tolkien erfundenen Völker zuordnen. Tatsächlich wurde Bombadil unabhängig vom Mittelerde-Stoff erfunden und erschien schon 1934 zum ersten Mal als Protagonist eines Gedichts in The Oxford Magazine. Tolkien beschreibt Bombadil in einem Brief aus dem Jahr 1937 als „Geist der (verschwindenden) Landschaft von Oxford- und Berkshire“. Dies lässt darauf schließen, dass Bombadil absichtlich nicht in Tolkiens Mittelerde-Mythologie passt und einen grundlegend anderen Ursprung hat. Vielmehr scheint Tolkien in der Figur des Tom Bombadil und seiner Freundin Goldbeere, der „Tochter des Flusses“, wie sie genannt wird, die Eigenarten und die Schönheit der ihm vertrauten Landschaften beschrieben haben zu wollen. Auch soll Bombadil Tolkiens Vorstellungen zufolge gewissermaßen eine Metapher für die „reine (echte) Naturwissenschaft“ sein: Er interessiert sich nur für das Wissen, nicht für das, was man eventuell damit machen und erreichen kann. Das Rätsel des Tom Bombadil wird wohl nicht mehr ganz zu klären sein. Tolkien selbst bemerkt hierzu: „Und ein paar Rätsel muß es immer geben, sogar in einem mythischen Zeitalter. Tom Bombadil ist eines (absichtsgemäß)“ In einem anderen Brief heißt es: „Ich glaube nicht, daß man über Tom philosophieren müßte und daß er dadurch besser wird.“ (Wikipedia)
His name, though not his character, appears to be taken from Captain Bobadil in Ben Jonson's Every Man in his Humour (that name being in turn no doubt an adaptation of Boabdil of Granada). (Wikipedia)
[10] 'Aja'ib al-makhluqat wa-ghara'ib al-mawjudat (English translation: "Marvels of creatures and Strange things existing") is an important work of cosmography by Zakariya ibn Muhammad ibn Mahmud Abu Yahya al-Qazwini who was born in Qazwin year 600 (AH)/1203. (Wikipedia)
[11] Shaykh Ahmad al-Farooqi Sirhindi (~1564-1624) commonly renowned as Mujaddid Alif Sani was an Indian Islamic scholar and prominent member of the Naqshbandi Sufi order. He is regarded as having rejuvenated Islam, due to which he is commonly called "Mujadid Alf Thani", meaning "reviver of the second millennium", referring to the Islamic tradition of Mujaddid. He is said to have had considerable and long lasting influence in India, and to have given "to Indian Islam the rigid and conservative stamp it bears today." His influence went so far as implementing jurisprudence in the Islamic world by emphasizing the Shariah and fiqh, integrating both into Indian Muslim government and society. This was accomplished through his 536 letters collectively entitled Collected Letters or Maktubat, to the Mughal rulers conveying his ideas. (Wikipedia)
[12] Berühmtes Buch des griechischen Philosophen Platon.
[13] Anspielung auf: As-Siraat, also called Sirat al-Jahim (English: The Bridge of Hell) is, in Islam, the hair-narrow bridge, which according to Muslim belief every person must pass on the Day of Judgement to enter Paradise. It is said that it is as thin as a hair and as sharp as a sword. Below this path are the fires of Hell, which burn the sinners to make them fall. People who performed acts of goodness in their lives are transported across the path in moments by a horse, leading them to the Hauzu'l-Kausar (the lake of abundance). Muslims who offer the obligatory prayers, recite at least 17 (or more) times a day the Surah Al-Fatiha, which is a supplication in which they ask God to guide them through the "straight path", this has been referred to by some scholars as a continuation (or precursor if you will) of the Bridge as-Sirāt (The straight bridge). (Wikipedia)
[14] Atomschach ist identisch mit dem Standard-Schach mit einer Ausnahme, die das Schlagen betrifft. Im Standard-Schach wird der geschlagene Stein vom Brett entfernt und der schlagende Stein nimmt seinen Platz ein. Im Atomschach werden beide Steine vom Brett genommen, weil jeder Schlagfall eine atomare Explosion auslöst. Darüber hinaus weitet sich diese auf alle benachbarten Felder aus. Jede Figur (mit Ausnahme der Bauern) auf den benachbarten Feldern wird ebenfalls vom Brett genommen. Bauern werden nur dann vom Brett genommen, wenn sie am Schlagvorgang direkt beteiligt sind also entweder die schlagende oder geschlagene Figur sind. (Wikipedia)
[15] Einfach gehaltene Regelwerke für die islamische Lebensführung.
[16] Die türkische Nationalhymne
[17] Warum diese Heftigkeit, warum dieser Zorn?
[18] Arab. Beispiele, Gleichnisse
[19] Sure aus dem Qur’an „Die Kriegsbeute“
[20] Moghul Herrscher, Pseudonym dieses Dichters
[21] Bellizistisch bedeutet „den Krieg befürwortend“, „kriegsführend“.
[22] Sagenhafte Höhlenmenschen
[23] Der Monophysitismus ist die christologische Position, Christus sei vollkommen göttlich und hat nur eine Natur, nämlich eine göttliche – im Gegensatz zur Position von Chalcedon (451), die die Zwei-Naturen-Lehre Christi vertritt, nach der die göttliche und die menschliche Natur Christi unvermischt nebeneinander stehen.
[24] Eigene Wortbildung aus „Grind“: Hauterkrankung, Schorf. Nicht zu verwechseln mit dem Anglizismus „grinden“.
[25] Arab. etwa „Was leicht fällt“ z.B. ma tayassar min suratu l baqarah: Was leicht fällt [zu rezitieren] von der Sure Baqarah.
[26] Gemeint ist das Deutsche Literaturarchiv Marbach.
[27] Vermutlich eigene Wortbildung aus dem Adjektiv „fahl“.
 

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