25.6.08

Faust-Serie Teil 3


Vor dem Tor

Faust:
Befreit vom Eis: Strom und Bäche
durch des Frühlings strahlenden Blick,
der Winter in seiner Schwäche
zieht sich in die Berge zurück
und als ob er sich so räche,
sendet er von dort, fliehend nur,
über die zart ergrünte Flur
ohnmächtige Schauer aus Eis,
doch die Sonne duldet kein Weiß:
Dem Winter eigenem Darben
begegnet sie mit neuen Farben,
da noch keine Blumen wachsen,
welche die Natur verzieren,
sind es bunte Menschenmassen,
die nach dem Gebet spazieren;
feiern sie doch Id ul Adha
zusammen mit dem Frühjahrsfest
aus der Zeit der Jahiliyya,
welche dieser Tage zeitlich
nahe beieinander liegen.
Von diesen Höhen kehre dich,
als da wir nun oben stehen,
zurück nach der Stadt zu sehen:
Aus dem hohlen finsteren Tor
dringt farbenfroh das Volk hervor;
ein jeder sonnt sich heute gern;
Frühlingsbeginn, Lob sei dem Herrn!
Das endlich befreit die Menge
aus des Winters kalter Enge;
aus städtischem Geflecht;
aus rotter Bausubstanz;
aus verarmten Vierteln;
aus der Unhygiene;
aus fatalem Wirken
sozialer Kontrolle;
Unrecht, falscher Ehre;
nur der Minarette
Ruf durchbrach die Schwere
vom irdischen Dasein,
das jetzt wird im Freien
willkommen geheißen,
seufzend vom Volk:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!

Wagner:
Mit euch, Oh Faust, so zu spazieren,
ist ehrenvoll und ist Gewinn,
habe sonst hier nichts zu verlieren,
da ich Feind alles Rohen bin;
die Fitna, derer die Flanieren,
verdunkelt mir den lichten Sinn;
in Wahrheit vom Shaytan getrieben,
denken sie, Freude zieht sie hin;
was seinem Wesen selbst entsprang,
ist mir zu Recht verhasster Klang;
der herannahende Gesang
zeugt von des Volkes Widerstand,
gegen den, in dessen Hand
ewig das Leben sich befand,
das, ob der neuen Pracht
zu der es nun erwacht,
durch sie gepriesen wird
jedoch in falscher Andacht;
bedauernswert abgeirrt
vom Glauben an die Allmacht
eines Gottes und Gesetzes!

Faust:
Nur wenige Schritte noch dort bei jenem Stein
wollen wir von unserer Wanderung rasten;
hier saß ich oft gedankenvoll allein,
dachte, harrend im Gebet und Fasten,
an Hoffnung reich, im Glauben fest,
mit Tränen, Seufzen, Händeringen,
das Ende jener damaligen Pest
vom Herren der Welten zu erzwingen;
ich erwarb in jenen Tagen
inmitten verzweifelter Not
hohes Ansehen durch Taten
im Kampf gegen den schwarzen Tod,
doch niemand konnte erraten,
dass jedes Lob mir klang wie Hohn,
nur in meiner Seele war zu lesen
wie wenig ich als meines Vaters Sohn
solchen Ruhmes wert gewesen;
er war ein dunkler Ehrenmann,
der über die Natur
und ihre heiligen Kreise
in Aufrichtigkeit nur
jedoch auf seine Weise
durchdringend nachsann,
in Gesellschaft von Adepten
sich in das schwarze Labor schloss,
nach unendlichen Rezepten
das Widrige zusammengoss;
ein roter Leu ward als Freier
mit einer Lilie vermählt,
durch flammendes Feuer
im Brautgemach gequält;
es erschien in reichen Farben
die junge Königin im Glas;
hier war die Arznei, die Patienten starben
und niemand fragte uns danach;
so haben wir mit den Latwergen
in diesen Tälern, diesen Bergen
grausamer als die Pest getobt;
selbst habe ich das Gift Tausenden gegeben,
sie rafften dahin und ich musste erleben,
dass man ihre Mörder lobt.

Wagner:
Auch ich muss erschauern
und doch: Was ihr tatet,
ist nicht zu bedauern!
Ihr ward eurem Vater
als auch der Wissenschaft
gehorsam geschuldet;
nur wer Gewissenhaft
im Schicksal erduldet,
was an Qual es bietet,
kann hohe Rangstufen
geistig sich erschließen;
wie von Gott berufen,
von den Erfahrungen
aus jener dunklen Zeit
im Alter durchdrungen,
in strahlender Weisheit
ihm allein zu Ehren
den Menschen zu lehren!

Faust:
Gesegnet, wer noch hoffen kann,
aus dem Ozean des Irrtums
in diesem Leben irgendwann
aufzutauchen von des Siechtums
tiefer Finsternis – frei vom Bann
erdachter Wirrnis! Doch lasst uns
dieser Stunde glanzreiches Gut
nicht durch Traurigkeit verringern!
Seht wie in der Sonnenglut
des Abends die Weiten schimmern!
Aus diesem warmen Abendlicht
frierend bald die Nacht hereinbricht,
fliehend scheinbar vor den Schatten,
genauso will ich es machen:
Emporschweben in die Ferne,
herabblickend auf die Erde,
erschiene im ewigen Abendstrahl
entflammt jeder Berg, beruhigt jedes Tal;
wie ein silberner Bach zufließt
dem goldenen Strom, sich ergießt
durch das Gebirge in Schluchten
in des Meeres weite Buchten;
es ist mir Wunsch zu versinken,
allein der neue Trieb erwacht,
das ewige Licht zu trinken;
vor mir ist Tag, hinter mir Nacht;
über mir Himmel, unter mir Wellen;
ein schöner Traum, der schwindet,
als den Moment Gott bei zu gesellen
in meinen Sinn Eingang findet;
es ist jedem angeboren,
dass die Sehnsucht an Grenzen dringt,
wenn zum Gotteslob erkoren,
ihr hohes Lied die Lerche singt;
über dunklen Wäldern
ausgebreitet der Adler schwebt;
über lichten Feldern
der Kranich nach der Heimat strebt!

Wagner:
Auch ich hatte schon verwirrte Stunden,
doch einen solchen Trieb nie empfunden;
an der Natur sieht man sich schnell satt,
was in ihr lebt, ist nicht zu beneiden;
es bannt die Kultur mich an ihrer statt,
denn wie tragen uns die Geistesfreuden
von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden lange Nächte hold und schön,
Wissbegierde durchströmt alle Glieder
und entrollt man ein altes Pergamen,
steigt der ganze Himmel einem nieder.

Faust:
Du bist dir nur des einen Triebs bewusst,
lerne bloß den anderen nie kennen!
Zwei Seelen wirken, ach, in meiner Brust,
ewig im Widerstreit, nicht zu trennen,
umschlungen wie in Liebeslust,
die eine verhaftet den Organen,
die andere hebt sich vom Dust
zu Gefilden hoher Ahnen.
Oh gibt es Geister in der Luft,
die beherrschend darin weben!
Steigt herab aus goldenem Duft!
nehmt mich fort zu neuem Leben!
Ich war schon bereit es mir zu nehmen,
umso leichter es nun euch zu geben!

Wagner:
Oh rufe nicht die dunkle Schar,
die im Umkreis ausgebreitet,
dem Menschen so große Gefahr
von allen Enden her bereitet:
Von Norden wirkt ein kalter Bann,
gewispert von Geisterzungen;
von Süden was die Brut ersann
an Krankheit in den Lungen;
von Osten eine Feuersbrunst
unsichtbarer Art heranrast;
von Westen fahl quellender Dunst
sanft umrankend alles vergast.
Im Kreuz dieser beiden Achsen
droht uns vielgestaltiger Tod
aus jenseitiger Dimension.
Siehst du wie die Schatten wachsen?
Merkst du auch wie sie uns hassen?
Zeit diesen Ort zu verlassen!
Doch merke ich, dass du verharrst
und besorgt in die Ferne starrst.
Was kann derart dich ergreifen?

Faust:
Siehst du diesen Hund dort durch die Felder streifen?

Wagner:
Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.

Faust:
Betrachte ihn wohl! Von welcher Art ist das Tier?

Wagner:
Es ist doch ein Pudel, der auf seine Weise,
sich auf der Spur des Herren plagt.

Faust:
Gewahrst auch du, wie in weitem Kreise
er um uns immer näher jagt?
Wenn ich nicht irre, so zieht ein Feuerstrudel
auf seinen Pfaden hinterdrein.

Wagner:
Ich gewahre nur den schwarzen Pudel;
das mag bei dir wohl Augentäuschung sein.

Faust:
Mir scheint, dass er magisch leise Schlingen
zu künftigem Band um unsere Füße zieht.

Wagner:
Ich sehe ihn halb freudig halb furchtsam springen,
weil er in uns zwei Unbekannte sieht.

Faust:
Der Kreis wird eng, schon ist er nah!

Wagner:
Sehe doch! Ein Hund, kein Gespenst ist da.

Faust:
Du hast Recht! Ja! Ich sehe nicht die Spur
eines Geists wirken in seiner Natur;
von treuem Wesen doch streunt er herrenlos,
so sei, dass er fortan bewache meinen Hof,
auch als Erinnerung an diesen Spaziergang
im Geist des Synkretismus zum Frühlingsanfang!
 

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