13.6.08

Vernichtungskrieg

Ich predige Vernichtungskrieg
im Wissen, dass darin
letztendlich meine Dichtung siegt,
und nehme dabei hin,
dass dem die Menschheit dann erliegt!


Die äußere Bedeutung des Gedichtes verweist auf die aktuelle Gefahr ausgehend vom islamistischen Terrorismus, welcher aus dem fatalen Anachronismus eben jener Ideologie resultiert, weshalb es auch im Präsens verfasst ist. Das Lyrische Ich hat diese extreme Ideologie in einem Maße internalisiert, dass es selber zu einem bekennenden Agitator dessen wird. Die ideologische Entgrenzung ist so weit vorangeschritten, dass es bereit ist, die Menschheit insgesamt der eigenen fanatischen Ideologie zu opfern – und dies ist – so wird im Gedicht deutlich – dem Lyrischen Ich voll bewusst.

Das Gedicht liest sich also wie eine Hasspredigt, in der zum Heiligen Krieg aufgerufen wird. Es sei nun bedacht, dass die Dichtung der muslimischen Mystik stets einen verborgenen Kern hat, welcher die eigentliche Bedeutung in sich verwahrt. Die verborgene Bedeutung dieses vorliegenden Gedichtes sei nun nachfolgend kundgetan:

Hierzu ist es notwendig das Gedicht Zeile für Zeile, Wort für Wort zu interpretieren. Betrachten wir zunächst die erste Zeile: „Ich predige Vernichtungskrieg“. Das „Ich“, also das Lyrische, steht zu Beginn des Gedichtes an exponierter Stelle, ganz so wie das Individuum in der postmodernen Gesellschaft. Das „Ich“ zu Beginn symbolisiert mithin das dekonstruierte, postmoderne, metaphysikfreie Individuum heutiger Zeit. Gleich danach kommt das Wort „predige“. Dieses Wort verweist seiner normalen Bedeutung nach auf eine religiöse Praxis. Das nachmetaphysische Ich und die konservative Handlung der religiösen Predigt stehen sich hier direkt gegenüber. Das Verb „predigen“ steht hier aber in der ersten Person Singular. Das bedeutet die religiöse Handlung geht von Individuum aus: „Ich predige“. Somit verweist dieser Anfang auf die individualisierte Religiosität der Postmoderne. Das Individuum entwirft seine Glaubensvorstellungen zu einem großen Teil selbst. „Ich predige“ verdeutlicht auch, dass die Selbstkonstruktion des Individuums narrativ geschieht. Das Subjekt entwirft sich selbst durch Erzählungen, für die religiöse Dimensionen ist „predigen“ demzufolge ein treffend gewählter Begriff. Die erste Zeile endet mit dem Wort „Vernichtungskrieg“. Wer mit der islamischen Mystik vertraut ist, wird bestätigen, dass die nun folgende Erklärung nicht weithergeholt ist: Gemeint ist hier die Vernichtung des Egos, ein von islamischen Mystikern angestrebter Zustand, in welchem das eigene Ego vernichtet und die Seele alleine von Gott kontrolliert wird, ohne dass menschliche Begierden noch intervenieren.

Fassen wir also die erste Zeile der inneren Bedeutung nach zusammen: Das Lyrische Ich als postmodernes Individuum entwirft in erster Linie eine auf sich selbst bezogene Religiosität, welche an die mystische Tradition im Islam anknüpft. Diese wird vom Individuum auch „gepredigt“, also in der Religionsgruppe als eine Alternative Glaubensüberzeugung zu dem fatalen Anachronismus des Islamismus angeboten, welcher die muslimische Religiosität genauso stark dominiert, wie es, der äußeren Bedeutung nach, in diesem Gedicht ebenfalls der Fall zu sein schien.

Die zweite Zeile ist sechszeilig, um zwei Silben kürzer als die erste, ein Hinweis darauf, dass in dieser Zeile weniger Inhalt transportiert wird. „Im Wissen“ verweist auf die gedankliche Rationalität des Lyrischen Ichs. Wissen meint hier also aufgeklärte Erkenntnis. Wiederum keine absurde Interpretation, versteht man doch unter „Wissen“ heutzutage normalerweise immer profanes Wissen und nicht spirituelle Überzeugung. „Darin“ meint offensichtlich den Vernichtungskrieg aus der ersten Zeile. Hier wird verdeutlicht, dass die aufgeklärte Selbstreflexion des Individuums Gewähr dafür ist, dass die eigenen Religiosität immer wieder kritisch überprüft wird und somit der Gefahr vorgebeugt wird, diese zu einem „-Ismus“ verkommen zu lassen.

Die dritte Zeile ist wieder achtsilbig, in Silben so auch in Bedeutungstiefe der ersten ebenbürtig. „Letztendlich“ meint das fortgeschrittene Stadium der Selbstreflexion und der Aufklärung, in welchem sich die postmodernen Gesellschaften und ihre Subjekte befinden, mithin auch das Lyrische Ich. „Meine Dichtung siegt“ steht für die Selbstbehauptung des Individuums gegenüber den Tendenzen geistiger Vereinnahmung durch den modernen Islamismus in einem Sinne, dass der eigene fortschreibende theologische Ansatz mystischer Tradition, sich des Banalen enthebt, was Islamisten jedweder Couleur ihrer Religion angedeihen lassen.

In der vierten Zeile „und nehme dabei hin“ – wieder sechszeilig wie ihre Bezugszeile mit gleichem Endreim – wird ebenfalls wieder weniger Inhalt transportiert. Diese Zeile besagt ihrer inneren Bedeutung nach, dass das Lyrische Ich eine kritische Außenwirkung seiner metaphysischen Selbstkonstruktion antizipiert, davon aber unbeeindruckt zu gedenken bleibt.

Zu der letzten Zeile: „dass dem die Menschheit dann erliegt!“. Was in der äußeren Bedeutung noch die Auslöschung der menschlichen Rasse auf diesem Erdenrund suggeriert, nimmt in der mystischen Interpretation eine ganz andere Bedeutung an: Die Menschheit erliegt nicht der physischen Vernichtung, sondern erfährt eine reflexive Inklusion in die mytho-poetische, synkretistische Konstruktion der Dichtung des Lyrischen Ichs. Diese vollführt sich vor dem Hintergrund des geistigen Erbes der Menschheit und ist imstande dieses in einem Ausmaß zu integrieren, dass jene Stränge, welche darin hauptsächlich aufgegriffen werden, qualitativ so fortgesetzt werden, dass diese ein neues – zumindest poetisch – zuvor unerreichtes Niveau erlangen. Was auch bedeutet, dass die zuvor erreichten geistigen Stufen, von welchen das Lyrische Ich bei der Konstruktion der eigenen mystischen Weltschau ausging, in der Tat abrogiert werden, eben der neuen, vom Lyrischen Ich konstruierten, Deutungshoheit erliegen.
 

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