1.8.08

Das Mischwesen / Mir Selbst Entworden

„In der Tiefe des Hohlwegs
zwischen Gestern und Morgen“ [1]
die Dichtung Abu Zeynebs
mir selbst entworden.
„Wer von uns darf trösten?“
Beim Durchwandern
endloser Wüsten;
immer fast am verdursten;
nur am Leben gehalten
durch meine Visionen;
mystische Stationen
flimmern in der Ferne
und verkommen zu
Trugbildern in der Nähe;
angekommen zu
dem was ich mir verhieß,
empfinde ich es als Verließ;
vernichtet zu Staub,
errichte ich mein Haupt,
Gott untertan im Weltenwahn
wie Planeten auf ihrer Bahn;
dieser Diwan ist konstruiert
als Mischwesen
halb Schrift halb Tier;
es braucht zum Leben
das Licht aus Kitab Al Manazir; [2]
geboren in Tartessos; [3]
beschrieben durch Herodot
von Halikarnassos; [4]
durchwirkt vom Glauben an Gott;
wie Werke Picassos [5]
nicht kubisch nur lyrisch
formvollendete Muqarnas [6]
beschrieben von Ibn Zamrak; [7]
inspiriert von
„Florenz und Baghdad“ [8]
erkenne ich
das Geheimnis
der Pyramide
im Botanischen Garten [9]
in den Perspektiven
von Alhazen; [10]
derart vertiefen
sich meine Fragen
in Gedankenschleifen,
die sich in der Ewigkeit
selbst kasteien,
sich gleichsam Sonetten [11]
in ihren Endreimen
aneinanderketten;
von den Externsteinen [12]
zu den Minaretten
in Istanbul,
von der Hagia Sophia [13]
wieder zur Irminsul; [14]
„media in vita in morte sumus –
mitten im Leben sind wir des Todes“; [15]
monotones Murmeln
liturgischer Formeln;
synkretistisches Verve
transformiert in Verse;
so entsteht ein Manifest
zeitlos wie das Almagest! [16]




[1] So beginnt das Gedicht „Wer von uns darf trösten?“ der Lyrikerin Nelly Sachs. Den Titel verwende ich dann in der fünften Zeile.
[2] Der arabische Buchtitel des berühmten Werkes von Ibn Al Haytham (Alhazen) s. u.
[3] Tartessos war nach der klassischen Überlieferung ein Königreich bzw. eine Hafenstadt an der Südküste der iberischen Halbinsel, an der Mündung des Guadalquivir westlich der Straße von Gibraltar. Die Stadt war in der Antike für ihren sagenhaften Metallreichtum bekannt. Der Reichtum an Silber machte Tartessos zu einer Art Eldorado des Altertums. Der sagenhafte König Arganthonios soll seinen Freunden, den von den Persern bedrohten Phokaiern neue Mauern für ihre Heimatstadt geschenkt haben, berichtet Herodot (Hdt. I 163). Es gibt Spekulationen, die Tartessos mit der sagenhaften, reichen Stadt der Phaiaken – aus Homers Odyssee – verbinden. Auch eine Gleichsetzung mit dem von Platon beschriebenen Atlantis ist von popularwissenschaftlicher Seite erwogen worden.
In der modernen Geschichtsschreibung wird die endbronzezeitliche und früheisenzeitliche Kultur Südspaniens, zwischen dem Fluss Guadiana im Westen und Cabo de la Nao im Osten und der Sierra Morena im Norden, als tartessisch bezeichnet. Das Kerngebiet lag im unteren Guadalquivir-Tal. Die Entwicklung dieser Kultur ist von ostmediterranem Einfluss – dem Handel mit Phöniziern, hauptsächlich aus Tyros, der ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar ist – geprägt. Urbane Züge, d.h. strukturierte und befestigte Siedlungen, zeigten sich im 8. Jahrhundert. Im 6. bzw. frühen 5. Jahrhundert v. Chr. bricht die Kultur ab, möglicherweise wurde sie von den Karthagern zerstört, die zuvor die Kolonie Gadir auf einer Insel vor der Guadalquivir-Mündung gegründet hatten. (Wikipedia)
[4] Herodot von Halikarnass(os) (* 490/480 v. Chr.; gest. um 425 v. Chr.) war ein antiker griechischer Historiograph, Geograph und Völkerkundler. Er wurde von Cicero (De leg. 1,5) zugleich als „Vater der Geschichtsschreibung“ (lat. pater historiae) und als Erzähler „zahlloser Geschichten“ (lat. innumerabiles fabulae) bezeichnet. Sein einziges erhaltenes Werk sind die neun Bücher umfassenden Historien, die in Form einer Universalgeschichte die Kriege der Griechen mit den Persern im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus schildern. (Wikipedia)
[5] Pablo Ruiz Picasso (* 25. Oktober 1881 in Málaga, Spanien; † 8. April 1973 in Mougins, Frankreich) war ein spanischer Maler, Graphiker und Bildhauer und gilt als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein beachtliches Gesamtwerk von mehr als 15.000 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Plastiken und Keramiken zeigte stil- und schulbildende Wirkung auf die moderne Kunst. Zusammen mit Georges Braque begründete er den Kubismus. (Wikipedia)
[6] Als Muqarnas wird ein Stilelement der islamischen Architektur bezeichnet. Es wird in der Regel als oberer Abschluss von Nischen verwendet oder in den Zwickeln beim Übergang zwischen einer viereckigen Basis und einer Kuppel. Muqarnas besteht in der Regel aus einer großen Anzahl spitzbogenartiger Elemente, die in- und übereinander gesetzt sind, um so einen Übergang zwischen der Nische und der Wand bzw. zwischen den Wänden und der Kuppel zu bilden. Komplexe, kunstvoll ausgebildete Muqarnas erinnern fast an Tropfsteinhöhlen und werden daher auch als Stalaktitendekoration bezeichnet. Es kam Mitte des 10. Jahrhunderts als Architekturelement auf und verbreitete sich schnell im gesamten islamischen Herrschaftsgebiet von Spanien bis Indonesien. (Wikipedia)
[7] Ibn Zamrak (1333-1394) was a poet and statesman from Granada, Al-Andalus. Some his poems still decorate the fountains and palaces of Alhambra in Granada. (Wikipedia)
[8] Hans Belting: Florenz und Baghdad. Eine Westöstliche Geschichte des Blicks. Beck 2008. Dieses Buch hat maßgeblich zu diesem Gedicht als inspirierende Quelle beigetragen.
[9] Der Botanische Garten in Hamburg: Dort befindet sich eine Glaspyramide – ein Geschenk der Vereinigten Arabischen Emirate
[10] Abu Ali al-Hasan Ibn Al-Haitham latinisiert Alhazen, (* um 965 wahrscheinlich in Basra; gest. 1039 oder 1040 in Kairo), war ein bedeutender arabischer Mathematiker, Optiker und Astronom. Alhazens eventuell von Gerard von Cremona selbst oder in seinem Umkreis ins Lateinische übersetzter Kitab al-Manazir, der unter dem Titel Perspectiva oder De aspectibus verbreitet war, beeinflusste optische und darüber hinaus philosophische Theorien seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert, insbesondere sind die Werke von Roger Bacon, Witelo und Johannes Pecham von Alhazens Auffassungen geprägt. Die Übersetzung wurde 1572 durch Friedrich Risner in Basel zusammen mit Wilelos Optik publiziert, auf sie beziehen sich Keplers Paralipomena ad Vitellionem. (Wikipedia)
[11] Der Sonettenkranz ist gefügt aus 14 + 1 Einzelsonetten, wobei jedes Sonett in der Anfangszeile die Schlusszeile des vorangehenden aufnimmt. Aus den 14 Schlusszeilen ergibt sich in unveränderter Reihenfolge das 15te oder Meistersonett. (Wikipedia)
[12] Die Externsteine sind eine markante Sandstein-Felsformation im Teutoburger Wald und eine herausragende Natursehenswürdigkeit in Deutschland. (Wikipedia)
[13] Die Hagia Sophia (aus dem griechischen „heilige Weisheit“) ist eine ehemalige Kirche, spätere Moschee und heute ein Museum in Istanbul. (Wikipedia)
[14] Die Irminsul (die „emporgeschossene Säule“) oder auch Irmensäule oder Irmensul, war ein altsächsisches Hauptheiligtum und wird als eine große Holzsäule beschrieben. Sie symbolisierte nach den Quellen den Weltenbaum der germanischen Mythologie und ist mit der Weltesche Yggdrasil aus der Edda, und dem immergrünen Kultbaum beim wikingerzeitlichen Tempel zu Upssala zusammenhängend zu betrachten. (Wikipedia)
[15] Media vita in morte sumus ist der Beginn einer lateinischen Antiphon, die Notker I. zugeschrieben wird, aber wahrscheinlich schon um das Jahr 750 in Frankreich entstanden ist. Sie lässt sich etwa mit "Mitten im Leben sind wir des Todes" übersetzen. Die traditionelle Übersetzung lautet: "Inmitten des Lebens sind wir vom Tode umfangen" bzw. "Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben". (Wikipedia)
[16] Almagest nennt man eines der Hauptwerke der antiken Astronomie, das auf den hellenistisch-griechischen Gelehrten Claudius Ptolemäus zurückgeht.
Im 9. Jahrhundert wurden viele griechische Schriften bei den Arabern bekannt, allen voran der Almagest. Dieser wurde jetzt auch mehrfach übersetzt und kommentiert. So entwickelte er sich zur Grundlage des astronomischen Beobachtens und Rechnens im arabischen Raum. Die letzte und beste Übersetzung verdanken wir Ishaq Ibn Hunain.
Da man während des Frühmittelalters im westlichen Europa kaum Zugang zu griechischen Quellen der Antike hatte, war hier auch der Almagest unbekannt. Obwohl Astronomie Teil des Quadriviums war, waren die Kenntnisse auf diesem Gebiet doch eher gering. Das änderte sich jedoch mit dem steigendem Interesse an der Astrologie, denn dadurch waren genaue Daten der Astronomie gefragt. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden dann endlich mehrere Astronomiewerke zugänglich, darunter neben dem von Thabit ibn Qurra auch der Almagest. Dieser wurde zweimal ins Lateinische übersetzt: einmal aus dem Griechischen und einmal aus dem Arabischen durch Gerhard von Cremona. (Wikipedia)
 

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