20.4.09

Der Mahmal


Der Mahmal, eine Kamelsänfte aus einem Holzgestell mit pyramidenförmigem Aufbau und einem Stoffüberzug, wurde erstmals 1266 durch den mamlukischen Sultan Baibars (reg. 1260-1277) in den Hijaz entsandt, um sein Recht auf Kontrolle über die Heiligen Stätten zu manifestieren. Verschiedentlich wurde die Ansicht geäußert, der ägyptische Mahmal gehe auf das Vorbild einer prachtvollen Kamelsänfte zurück. mit der die Sultanin Shajar ad-Durr (reg. 1250) im Jahre 648 h ( 1250) nach Mekka reiste.

Die Gestaltung des ägyptischen Mahmal wurde im Laufe der Zeit immer aufwendiger. Neben brokatbesetzten Seidenstoffen wurden Gold und Silber für die Aufschriften – zunächst Segenswunsche für den ägyptischen Sultan und später Koranverse – verwandt. Der prachtvolle Überzug des Mahmal - wie der der Kaaba Kiswa genannt – wurde nur anlässlich der Zeremonien und Paraden in Kairo und Suez und den Hauptstationen auf dem Weg des Mahmal im Hijaz verwandt. Ansonsten wurde die Sänfte durch ein einfaches Tuch aus grünem Stoff geschützt. Die brokatbesetzte Kiswa im Wert von etwa 1.500 ägyptischen Pfund wurde nur zu besonderen Anlässen erneuert. Mit der grünen Kiswa hingegen wurde alljährlich nach der Pilgerfahrt das Grab des Yunus as-Sa’di in der Nähe des Bab an-Nasr bedeckt; er hatte sein Leben lang im Dienste des Mahmal gestanden.

Der Mahmal wurde unterwegs auf einem Kamel transportiert, das am Zügel geführt wurde. Dieses Kamel wurde nach seiner körperlichen Konstitution und Eignung sorgfältig ausgewählt, fortan in einem speziellen Stall gefüttert und von allen weiteren Anstrengungen verschont. Das Mahmal-Kamel der syrischen Karawane war nach der Pilgerfahrt von allen Lasten entbunden und verspeiste für den Rest seines Lebens ein großzügig bemessenes Gnadenbrot. Bei den Zeremonien wurde es mit dem Mahmal verehrt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden Mahamil [Plural von Mahmal] aus verschiedenen Zentren der islamischen Welt entsandt; in erster Linie sind hier der syrische, der irakische und der jemenitische Mahmal zu nennen. Der Mahmal stand im Mittelpunkt der ägyptischen Karawane. Er gab ihr den Namen Mahmal-Karawane (rakb al-mahmal, und nicht selten wird nur das Wort Mahmal verwandt, wenn damit nicht der Mahmal im engeren Sinne, sondern die ganze Karawane gemeint ist.

Neben dem Symbol politischer Ansprüche und Einflussnahme des ägyptischen Herrschers an den Heiligen Stätten wurde der Mahmal bald zum Gegenstand volksislamischer Verehrung. Den religiösen Massen, denen die Mittel fehlten, selbst die Pilgerfahrt zu vollziehen, erschien der Mahmal als ihrer aller Stellvertreter, den sie vor und nach der Reise zu berühren oder zu küssen versuchten, wenigstens aber gesehen haben wollten. Die Kritik mancher Theologen an solchen Formen volksislamischer Frömmigkeit blieb nicht aus.

Die Tradition, den Mahmal in einer feierlichen Zeremonie durch die Straßen von Kairo zu führen, ist seit dem Jahr 1277 belegt. Ebenfalls in mamlukischer Zeit konnten sich bald drei Mahmal-Prozessionen etablieren. Eine erste fand im Monat Rajab im Beisein des Befehlshabers der Pilgerfahrt, seiner Truppen und Wasserträger, des obersten Marktaufsehers und der Notabeln statt und sollte die Einwohner an die nahende Pilgersaison erinnern. Zwei weitere Paraden fanden anlässlich der Abreise der Mahmal-Karawane im Monat Shawwal und anlässlich ihrer Rückkehr im Muharram statt. Die drei Zeremonien blieben an sich bestehen, verschoben sich aber, nachdem die Modernisierung der Transportmittel die Reise erheblich verkürzt hatte und die Karawane Kairo erst im Monat Dhul-Qa’da verließ. In der zweiten Hälfte des Monats Shawwal wurde nun der Mahmal in einer ersten Zeremonie von seinem Aufbewahrungsort im Finanzministerium zum Salah ad-Din-Platz unterhalb der Zitadelle gebracht und dort gleichzeitig mit der noch ungenähten Kiswa verehrt. In Anwesenheit des Khediven, - der Minister, Religionsgelehrten und Notablen, der Offiziere und Soldaten und zahlreicher Einwohner von Kairo wurde zunächst dem Herrscher mit 21 Salutschüssen, Musik und den Zurufen der Mengen Verehrung gezollt. Der Direktor des Dar al-Kiswa führte dann das Mahmal- Kamel siebenmal im Kreis und übergab die Zügel dem Khediven. Dieser küsste sie und gab sie dem Qadi al-Qudat weiter, der sie ebenfalls küsste und dem Direktor der Dar al-Kiswa zurückgab. Nach der Feier der Kiswa wurde das Ende der Zeremonie mit 21 Salutschüssen signalisiert, und der Khedive und die Anwesenden zogen sich zurück. In einer Prozession wurde der Mahmal zunächst mit der Kiswa zur Husain-Moschee, dann in die Produktionsstätte der Kiswa in der Shari’ al Hurunifish gebracht, wo er bis zur Feier der Abreise des Mahmal verblieb. In der Mitte des Monats Dhul-Qa’da wurde der Mahmal anlässlich des Aufbruchs der Karawane in den Hijaz erneut gefeiert. Auf dem Salah ad-Din-Platz übergab der Direktor der Produktionsstätte der Kiswa die Zügel des Mahmal-Kamels dem Khediven, der diese in einem symbolischen Akt dem Befehlshaber der Pilgerfahrt reichte. Der Zeremonie wohnten wiederum neben Würdenträgern der Karawane und dem Khediven Minister, Notabeln, namhafte Persönlichkeiten, die Religionsgelehrten und zahlreiche weitere Zuschauer bei. In einer feierlichen Prozession zog dann die Mahmal-Karawane in fester Anordnung zum Bab an-Nasr und dann zur Bahnstation al-Abbasiya Im Nordosten von Kairo. Die Parade, bei der der Befehlshaber der Pilgerfahrt das Mahmal-Kamel führte, wurde von Polizisten und Soldaten überwacht und von den Führern der Bruderschaften (arbab al-turuq) begleitet. Die Regierungsbehörden und -kanzleien blieben an diesem Tag geschlossen und die Zuschauer säumten die Straßen und beobachteten die Prozession von den Balkonen und Dächern der Häuser aus.

Überall unterwegs wurde der Mahmal gefeiert. So versprach man sich Segen davon, Säuglinge herbeizubringen, die den Mahmal sehen und nach Möglichkeit berühren sollten. Wer nicht bis zur Sänfte vordringen konnte, warf beispielsweise den Mahmal-Bediensteten ein Taschentuch zu, in das Geld oder Nahrungsmittel eingewickelt waren. Die Diener entnahmen den Inhalt, berührten mit dem Tuch den Mahmal und warfen es wieder zurück.

Mit dem Zug nach Suez transportiert, wurde der Mahmal dort mit 21 Salutschüssen, Musik und Rufen der Anwesenden empfangen. Zur Feier des Mahmal bildeten die Mahmal-Garde und die Polizisten der Stadt sowie die Soldaten ein Spalier und säumten so den Weg der Mahmal-Prozession, an der der Befehlshaber der Pilgerfahrt, der Treuhänder der Surra, der Gouverneur von Suez, die Führer der Bruderschaften und die Bevölkerung beteiligt waren. Am Ende der Zeremonie gab die Mahmal-Garde in Erwiderung des ihr entbotenen Grußes 21 Salutschüsse ab.

Mit dem Schiff gelangte der Mahmal dann von Suez nach Dschidda und wurde bei der Ankunft im Hijaz erneut gefeiert. 1901 waren es 600 osmanische Soldaten, die zu diesem Anlass in Dschidda ein Spalier für den Mahmal bildeten, durch das dieser vom Befehlshaber der Pilgerfahrt, dem Treuhänder der Surra und der Mahmal-Garde durch die Straßen der Stadt geführt wurde. Für die Bevölkerung war die Anwesenheit des Mahmal in ihrer Stadt ein Fest. Sie drängten sich, ihn zu sehen und zu feiern und begleiteten die Karawane bei ihrem Aufbruch nach Mekka ein kleines Stück Weges.

Nach der Ankunft in Mekka bezog die Karawane mit dem Mahmal ihr Lager in Shaykh Mahmud am Eingang der Stadt und brach am 8. Dhul Hijja von dort auf in Richtung Arafat. Im Anschluss an die Riten der Pilgerfahrt, bei denen der Mahmal die ägyptische Präsenz erneut versinnbildlichte, wurde er in den Innenhof des Heiligtums von Mekka gebracht. Dort blieb er auf einem speziellen Sockel – bedeckt mit dem schlichten grünen Tuch und bewacht von einigen Soldaten der Mahmal-Garde – bis die Karawane Mekka verließ. Zahlreiche Menschen aller Herren Länder kamen unterdessen in die Moschee, um den Mahmal zu sehen. Der osmanische Wali legte den Zeitpunkt zur Feier des Auszugs des Mahmal aus der Moschee und seiner Abreise fest und teilte ihn dem Befehlshaber der Pilgerfahrt mit. Hierbei wurde zunächst der grüne Überzug des Mahmal gegen die prachtvolle Kiswa eingetauscht. Vor dem Bab AIi stellten sich osmanische Soldaten und die Mahmal-Garde in zwei Reihen einander gegenüber auf. Auch die Beamten der in Mekka ansässigen Regierung des Hijaz waren bei dieser Zeremonie anwesend und trugen ihre offiziellen Uniformen und Auszeichnungen. Der Befehlshaber der Pilgerfahrt übergab dem Wali die Zügel des Mahmal-Kamels, dieser drehte damit fünf Runden und gab sie an den Befehlshaber zurück. Zuvor hatte dasselbe Zeremoniell mit dem syrischen Mahmal stattgefunden. Am Ende der Feier standen Bittgebete für den Sultan, den Scherifen, den Weli und den Khediven.

Wenige Tage später brach die Mahmal-Karawane auf dem Landweg oder über Dschidda und Yanbu‘ in Richtung Medina auf. In Medina wurde der Mahmal beim Stadttor Bab al-Anbariya durch ein Spalier osmanischer Soldaten und mit Musik feierlich in Empfang genommen. An einer Prozession des Mahmal vom Bab al-Anbariya zur Prophetenmoschee, die häufig erst einen Tag später stattfand, wirkte neben den Mahmal- Bediensteten und Soldaten die Bevölkerung der Stadt begeistert mit. Am Tor Bab as-Salam des Heiligtums wurde der Mahmal vom Kamel heruntergenommen und hinter dem Tor in der Nähe der Prophetenkanzel abgestellt. Bedienstete des Mahmal und Eunuchen der Prophetenkammer in weißen Gewändern und Turbanen nahmen dann die Kiswa des Mahmal ab und legten sie in die Grabkammer des Propheten. Am Ende des Aufenthaltes der Karawane in Medina wurde der Mahmal wieder aus der Prophetenmoschee herausgeholt und in einer ebensolchen Prozession zurück zum Bab al-Anbariya geleitet. Zur Abreise des Mahmal spielte erneut die Musik, und die osmanischen Soldaten standen beidseits des Weges.

Im Jahre 1903 bedeutete die aufgrund der Wahl eines neuen Weges zustande gekommene Ankunft des Mahmal in Yanbu‘ eine besondere Sensation, die man ebenso wie die Abreise des Mahmal unter Beteiligung des Gouverneurs und des Hauptmannes der Stadt, osmanischer Soldaten und Einheimischer feierte.

Schließlich wurde die Rückkehr des Mahmal nach Kairo in einer letzten und abschließenden Zeremonie auf den Salah ad-Din-Platz mit den Ministern, den Religionsgelehrten, den hochgestellten Persönlichkeiten der Stadt und der Bevölkerung begangen. Hierbei gab der Befehlshaber der Pilgerfahrt die Zügel des Mahmal-Kamels dem Khediven persönlich oder einem beauftragten Stellvertreter zurück. Dann wurde der Mahmal im Geleit von Militär und der Mahmal- Garde in einer Prozession zu seinem Aufbewahrungsort im Finanzministerium gebracht.

Nach ihrer ersten Eroberung Mekkas wurden die Wahhabiten, die volksislamische Praktiken wie die Verehrung des Mahmal als unislamische Neuerungen rigoros ablehnten, 1806 erstmals mit dem ägyptischen Mahmal konfrontiert. Die Kamelsänfte selbst erschien ihnen ebenso intolerabel wie das bewaffnete Militär und die Musiker, die sich im Geleit der Karawane befanden. Die ägyptische Rückeroberung des Hijaz 1812 beendete den Konflikt nur vorläufig. Nach der erneuten Eroberung Mekkas durch Ibn Saud 1924 flammte die Auseinandersetzung um den islamischen Charakter des Mahmal zwangsläufig wieder auf. Die wahhabitische Haltung hatte nichts von ihrer Unerbittlichkeit eingebüßt; nach der Pilgerfahrt von 1926 wurde der Mahmal durch die neuen Herren des Hijaz endgültig verboten. In Kairo fanden dennoch ab 1937 wieder vor und nach der Pilgerreise Zeremonien zur Verehrung des Mahmal statt, obwohl dieser nie wieder zu den Heiligen Stätten gelangen konnte. Allmählich meldeten sich aber auch die Skeptiker unter den ägyptischen Religionsgelehrten die teilweise mit der Wahhabiyya sympathisierten immer nachdrücklicher zu Wort. 1952 verurteilten der Rektor der Azhar und der ägyptische Großmufti die Verehrung des Mahmal in mehreren Punkten als unislamisch; 1953 schließlich wurden die Feierlichkeiten nach einem erneuten Fatwa eingestellt. Die Kritik galt vor allem der Beteiligung von Militär. Musikern und den Führern der religiösen Bruderschaften. Die sieben Umkreisungen, die Bestandteil der Zeremonie waren, erinnerten – so die Argumentation – in ungebührlicher Weise an die siebenmalige Umkreisung der Kaaba beim Tawaf, das Küssen der Kamellonge an das Küssen des schwarzen Steines. Ferner werde die Bevölkerung durch solche Zeremonien irregeführt. Da die Sanfte in Wirklichkeit keinerlei religiösen Charakter habe.

Stratkötter, Rita 1991: Von Kairo nach Mekka. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Pilgerfahrt nach den Berichten des Ibrahim Rif'at Basha: Mir’at al Haramain. Berlin: Klaus Schwarz Verlag. S. 63ff (leicht modifiziert in der Schreibweise und der Anordnung)

 

kostenloser Counter