26.9.09

Leviathan-Predigt

In dem Roman "Terror" von Dan Simmons findet sich ein bemerkenswerter Abschnitt hinsichtlich des Synkretismus, den ich meine: Eine Passage aus Hobbes "Leviathan" wird bei eine Schiffsmesse als ein Teil der Bibel verlesen.

Wie der Dichter sagt: "Auf der Suche nach der Nord-West Passage, verlas Crozier den Leviathan wie eine Bibel Passage."

Die Männer brüllten »Amen« und scharrten dankbar mit den wärmer werdenden Füßen.

Jetzt war Francis Crozier an der Reihe.

Die Männer wurden still, aus Ehrerbietung, aber auch aus Neugier. Die Seeleute der Terror wussten, dass sich der Kapitän unter einer Predigt bei einem Gottesdienst die feierliche Verlesung von Paragraphen der Schiffsordnung vorstellte: »Weigert sich ein Mann, dem Befehle eines Offiziers Folge zu leisten, wird dieser Mann ausgepeitscht oder hingerichtet, welche Strafe der Kapitän zu bestimmen hat. Begeht ein Mann Sodomie mit einem anderen Besatzungsmitglied oder einem Tier an Bord, wird dieser Mann hingerichtet …« Für Croziers Zwecke besaß die Seemannsordnung genau die richtige Ausdruckskraft und Bedeutungsschwere.

Aber heute passte das nicht. Crozier griff in das Fach unter der Kanzel und zog einen schweren, ledergebundenen Folianten heraus. Mit einem dumpf hallenden Laut legte er ihn auf das Pult.
»Heute«, hob er mit voller Stimme an, »lese ich aus dem Buche Leviathan, erster Teil, zwölftes Kapitel.«

Durch die Menge der Seeleute ging ein Raunen. Aus der dritten Reihe hörte Crozier das Murren eines zahnlosen Seebären von der Erebus: »Ich kenn die verdammte Bibel, da gibt’s kein verdammtes Buch Leviathan.«

Crozier wartete, bis es völlig still wurde.

»Was jenen Theil der Religion betrifft, welcher aus unsichtbar wirkenden Mächten besteht .. . «
Croziers Betonung und alttestamentarische Gewichtigkeit ließen keinen Zweifel daran, auf welche Worte es ihm besonders ankam.

»... so wurde von einigen heidnischen Völkern alles, was nur einen Namen hat, für einen Gott oder Teufel gehalten. Ja, es gab keine Sache, keinen Ort, wovon nicht ihre Dichter glaubten: er werde von irgendeinem Geiste beseelt, bewohnt oder besessen. Der unausgebildete Weltstoff wurde für einen Gott gehalten und Chaos genannt. Himmel, Erde, Meer, Planeten, Feuer, Winde waren insgesamt Gottheiten. Männer, Weiber, Krokodil!, Kalb, Hund, Schlange, Lauch, Zwiebel, kurz alles wurde vergöttert. Jeder Ort wimmelte von Dämonen, die Ebene von großen und kleinen Panen, das Meer von Tritonen und Wassernymphen. Jeder Fluß, jede Quelle hatte einen Geist gleichen Namens, jedes Haus seine Laren oder Hausgötter, jeder Mensch seinen Genius oder Schutzgeist. Auch in der Hölle wohnten Geister und Höllendiener wie Charon, Cerberus und die Furien, und des Nachts erschienen die Laren und Lemuren, die Geister der Verstorbenen und ganze Heerscharen von Feen und Kobolten. Auch den Eigenschaften erbaueten sie Tempel, als wären sie Gottheiten — zum Beispiel der Zeit, dem Tage, der Nacht, dem Frieden, der Eintracht, der Liebe, dem Kriege, dem Siege, der Tapferkeit, der Ehre, der Gesundheit, dem Brande im Korn, dem Fieber —‚ zu welchen oder wider welche sie beteten, als gäbe es wahrhaftig Geister dieses Namens, die über ihnen schwebten und es vermochten, das Gewünschte oder Gefürchtete auf sie niederfallen zu lassen oder fernzuhalten. Sogar ihren eigenen Witz riefen sie als Muse an, ihre Unwissenheit als Fortuna oder Glücksgöttin, ihre Wollust als Kupido, ihren Zorn als Furie, ihr Schamglieder als Priapus, und ihre unwillkürlichen Ergießungen schrieben sie dem Wirken von Incubi und Succubae zu. Kurz, was immer ein Dichter als Person in seine Werke einfügen mochte machten sie zu einem Gott oder Teufel.«

Crozier hielt inne und blickte zu den weißen Gesichtern auf »Und so endet das zwölfte Kapitel des ersten Teils des Buches Leviathan.« Damit schloss er den wuchtigen Band.
»Amen«, schallte es von den glücklichen Seeleuten zurück.

Dan Simmons, Terror, Heyne München 2007, S. 322ff
 

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