26.9.09

Laskerd



Laskerd ist ein eigenartiges Dorf. Man stelle sich einen enormen Turm mit einem Umfang von 200 Metern und 20 Metern Höhe vor, schon hat man die Behausungen. Nach der Eingangstüre, die nur mannshoch ist, führt ein sehr enger gewölbter Gang ins Innere. Dort stehen Gerüste ohne irgendein System aufeinander gebaut, die sich nur wie durch ein unbegreifliches Wunder im Gleichgewicht halten. Stampft man mit dem Fuß auf vibriert das ganze Gemäuer, aus dem ein schrecklicher, Übelkeit erregender Gestank kommt. In einer bestimmten Höhe haben die Bewohner des Turms Balken in die Mauern eingelassen, mit deren Hilfe sie Außenbalkone gebaut haben.

Die Bevölkerung von Laskerd besteht aus 120 Familien, nicht gezählt diejenigen, die im Turm kein noch so kleines Gerüst mehr aufstellen konnten und deshalb in Häusern zu ebener Erde rundherum wohnen müssen. Weder innen noch außen am Turm gibt es Treppen. Wenn die Sonne untergegangen ist, werden die Kinder mit einem Seil an einem Bein festgebunden. Sie können dann frei auf den Balkonen herumlaufen. Sollte bei Dunkelheit eines hinunterfallen, schreckt es durch Geschrei die Eltern, die dann nur das Seil einzuziehen brauchen.

Laskerd wird auch „Pohk Kaleh“ genannt, und zwar wegen der senkrecht gemalten Linien an den Seiten des Turmes, der aus fast weißem Lehm gebaut ist. Eine Süßwasserquelle versorgt das Dorf. Nahe beim Dorfeingang wurde ein kleines Gebetshaus verrichtet, das sich ganz eigenartig von der übrigen Landschaft abhebt.

Wann dieses luftige Dorf gegründet wurde, weiß man nicht. Die Bewohner behaupten, es wäre von Geistern errichtet worden, die dieses Land vor sehr langer Zeit bewohnten. Eines aber ist sicher: Die Einwohner wollten sich auf diese Weise gegen räuberische Überfälle und dergleichen schützen, die in diesem Gebiet häufig vorkamen. Dieser große weiße Turm, der sich über die umliegenden Felder und Gärten und die bläulichen Linien der Berge erhebt, ist unwahrscheinlich malerisch.

Henry de Couliboeuf de Blocqueville, Gefangener bei den Turkomanen 1860-1861 im Grenzgebiet von Turkestan und Persien, Nomad Press Nürnberg 1980, S. 19f
 

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